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Sahara - zwischen Urlaub und Expedition

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Jemanden in die Wüste schicken, gilt normalerweise als Ausdruck der Verbannung. Daß jemand freiwillig in die Wüste fährt, mag manchem unbegreiflich erscheinen. Lernte man doch in der Schule, daß die Sahara eine lebensfeindliche Landschaft ist, in der es nichts zu erleben gibt außer Hitze und Durst. Und nichts zu sehen außer Sand, hier und da ein Kamel und gelegentlich eine Fata-Morgana.

Meine erste Bekanntschaft mit der Wüste machte ich im Jahr 1984 auf einer Motorradtour in die algerische Sahara, die mich bisher am meisten faszinierte. Ich war vom Wüstenbazillus befallen und wollte noch mehr kennenlernen. Unter allen Ländern die sich die Sahara teilen, besitzt Algerien den größten, landschaftlich interessantesten und abwechslungsreichsten Teil der Sahara.
Es gibt mehr zu sehen als Sand und mehr zu Fühlen als Hitze und Durst, wie sich im Verlauf der Reise heraus stellen sollte.

sahara_01Die Fahrzeugwahl fiel dieses Mal auf einen Geländewagen, wobei die Überlegung die Wahl bestimmte. Robustheit, Nutzlast und Bodenfreiheit für das Notwendige Mehr an Gepäck. Proviant, Treibstoff, sowie das Gewicht für Ausrüstung, Ersatzteile und Wassermengen, die für die längste Etappe ohne Ver-sorgungsmöglichkeiten benötigt werden, bestimmten die Faktoren.
Dazu nur mit einem Fahrzeug, so daß ich im Ernstfall allein auf meine handwerklichen  Fähig-keiten angewiesen war.
Nach mehrmonatiger Vorbereit-ungszeit starte ich mit meiner Lebens Gefährtin im April 1991 zu der fünf-wöchig geplanten Reise nach Genua. Von Genua wollen wir mit dem Schiff übersetzen nach Tunis, dem eigentlichen Ausgangspunkt unserer Reise.
In Tunis angekommen, begeben wir uns sofort auf den Weg in Richtung algerische Grenze, um dem ghettoartigen Tourismus, der in den Küstenregionen Tunesiens herrscht, zu entfliehen. Tunesien, mittlerweile ein zum Brückenkopf gewordenes Land des europäischen Tourismus,- da hetzen wir lieber durch.
Und in der für afrikanische Verhältnisse sagenhaften Zeit von drei Stunden habe ich alle Stempel beisammen, so daß uns nichts mehr im Wege steht. sahara_02Gutgelaunt und schon ein wenig eingestimmt auf unser Wüstenabenteuer fahren wir in Richtung Süden. Wir erreichen El-Qued, die Hauptstadt des Souf. Oder Stadt der tausend Kuppeln. Eine Bilderbuchoase. Um El-Qued stehen die Palmen dicht gedrängt in großen Trichtern beisammen: mal 2O, mal 2OO. Diese Trichter sind im Laufe von hunderten von Jahren entstanden. Dattelpalmen gedeihen am besten mit dem "Kopf im Feuer" und den "Füßen im Wasser".
Doch der Grundwasserspiegel sinkt immer mehr ab. Dort werden wir auch mit der ersten algerischen Realität konfrontiert, die sich bis zum Ende der Reise hinzog: An jeder Oase bettelnde Kinder mit der Frage nach Kugelschreibern.
Weiter geht es dann immer Richtung Süden. Anfangs regierte wieder Ödnis; vereinzelte Getreidefelder Säumen den Weg, deren Halme soweit auseinanderstehen wie hierzulande die Zuckerrüben. sahara_03Und wir passieren auch die ersten größeren Dünen.
Schließlich erreichen wir Hassi-Messaoud, eines der wichtigsten Erdölzentren des Landes. Erdöl ist das Hauptexportgut von Algerien.
Die letzten Kilometer bis Hassi Messaoud verlaufen dann recht eintönig, was sich aber nach verlassen des Erdoelgebietes ändert, als wir anderntags Hassi-Bel Gebour als Etappenziel in Angriff nehmen. Es tauchen die ersten großen Dünen auf und im weiteren Verlauf durchfahren wir ein  wunderschönes  Tal zwischen den Dünenketten des Grand Erg Oriental. Die Dünen hier zählen zu den höchsten Dünen Algeriens und bilden grandiose Sandmeere, deren Ausmaß und Faszination überwältigend ist.
Von dort geht es stur in Richtung Osten über das Tintrhert-Plateau auf die libysche Grenze zu. Wenige Kilometer vor der Grenze biegen  wir im rechten Winkel wieder nach Süden ab und überwinden in steilem Gefälle den Plateauabbruch. Mächtige Dünengebirge taten sich vor uns auf. Starke Sandwinde machten uns zu schaffen, dazu kletterte das Thermometer von Tag zu Tag höher.
sahara_04Freude  kommt auf, als uns zwei Deutsche Motorrad-fahrer entgegen kommen. Die ersten Deutschen seit unserer Abreise aus Tunis. Woher und wohin ? Erfahrungsaustausch über Pistenzustände, Strecken-verläufe sind bei solchen Begegnungen unerschöpfliche  Themen. Das Woher war schnell beantwortet: Das Plateau de Fadnoun zwang sie zur Umkehr. Und genau dort wollen wir hinüber, um die Oase Djanet, auch "Perle der Oasen" genannt, zu erreichen. Bedenken wurden wach, zurecht, wie sich später herausstellen sollte. Egal, wir wollten es versuchen und eine Umkehr sollte nicht in      Frage kommen.
Mit allen guten Wünschen versehen begaben wir uns dann auf den Weg, oder besser gesagt: Piste. Vergessen auch nicht, uns in der nächst größeren und mit einem Polizeiposten versehenen Oase abzumelden. So die offiziellen Bestimmungen.
Hierbei sind Grund der Reise, sowie Angaben über Zielort und vermutliche Fahrtdauer zu machen. sahara_05Diese Bestimmungen sollte man einhalten, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. Obwohl die algerischen Behörden offiziell mitteilten, daß sie keine Suchaktionen nach vermißten Touristen durchführen. Wie beruhigend ! Im Ernstfall, den Allah verhindern möge - sind wir mutterseelenallein und auf Selbsthilfe angewiesen.
Die Oase Illizi gleicht zu dem Zeitpunkt unserer polizeilichen Abmeldung einem Sandstrahlgebläse, was uns jedoch kaum noch störte. Mittlerweile schon eine Woche unterwegs, sind wir den ständigen Begleiter Sand, der überall ist, gewöhnt.
Stärker empfinden wir nur die Hitze in den Sandwinden. Unser Unternehmen Sahara sollte aber nicht zerschellen an der Mauer aus Hitze und Staub, sowie der ständigen Suche nach Schatten.
Zwei Brandblasen zierten mittlerweile meinen Arm. Der Flüssigkeitsbedarf steigt an, indem das Durstgefühl in gleichem Maß steigt, wie die Leistungsfähigkeit abnimmt.
Wenn zudem noch ein stetiger Wind weht, der wie ein Föhn den Körper austrocknet, muß auch der Trinkwasservorrat entsprechend hoch angesetzt werden.
Zwischen acht und zehn Liter Wasser beträgt der Tagesbedarf pro Person. Wir ergänzen unsere Wasser- und Kraftstoffvorräte und beginnen, uns auf den Weg zu der etwa 450 Kilometer entfernten Oase Djanet zu begeben. Eine für europäische Verhältnisse unbedeutende Kilometerzahl. Aber für uns wurde es nun Ernst. Es ging zur Sache. Was nun folgt, ist eine schauerliche Piste, die auf den ersten Kilometern stark versandet war, um späterhin in eine Kurvenreiche und steinige Piste überzugehen. Hügel hinter Hügel aus schwarzem groben Geröll. Ausgewaschene Gräben,- eine wahre Mondlandschaft, wobei die besseren Abschnitte aus übelstem Wellblech bestanden. Die weniger guten aus Gesteinsbrocken mit metertiefen Rinnen, dazu mit Felsstufen, die teilweise die Bodenfreiheit unseres Geländewagen überforderte.
Trotz zehnstündiger Fahrzeit schaffen wir gerade siebzig Kilometer und zum ersten Mal frage ich mich nach dem Sinn oder Unsinn einer solchen Reise. Erwäge umzukehren, aber die Furcht vor dem zurück war stärker.
sahara_06Als gegen Abend noch ein fürchterliches Un-wetter aufzieht, wird die Szenerie noch gespenstischer. Auf der Piste zeigen sich andern tags noch tiefere Rinnen und weggespülte Abschnitte zeigen, daß noch ganz andere Wassermassen vom Himmel fallen können.
Total demoralisiert geht es mal wieder über erbarmungsloses Wellblech. Wird unser Geländewagen noch stärker in Mitleidenschaft gezogen.
Als wegen überhitzter Bremsflüssigkeit die Bremsen keine Wirkung mehr zeigen, an der Vorderachse eine Feder bricht und der Motor zu stottern beginnt, ist das Chaos perfekt, so daß wir beschließen:

Sollten wir in der kleinen Nomadensiedlung Fort Gardel, die auf dem Weg zu der Oase Djanet liegt, Wasser und Kraftstoff bekommen, wollen wir den Weg nach Westen, Richtung Tamanrasset einschlagen. Drei Tage sind eingeplant für die Fahrt von Illizi nach Fort Gardel. Hierzulande undenkbar. Für 270 Kilometer eine Fahrtzeit von drei Tagen einzuplanen.
Wir schlagen unser Lager auf und das ist ja in der Wüste immer schnell gefunden: nämlich da, wo man gerade steht.
Aus Bundeswehrbeständen, der sogenannten EPA Verpflegung, bereiten wir wieder unser "Menü" zu, was auch unsere angeschlagene Psyche etwas bessert. Andern tags, nach einem kargen Frühstück, was seit unserer Einreise nach Algerien aus Dosenbrot und Marmelade besteht, geht es wieder weiter, immer in der Hoffnung am Abend die Hütten von Fort Gardel zu erreichen.
sahara_08Die Piste führt nun hinein in eine riesige Felsenlandschaft.
Wie Burgen thronen Gesteinsaufbauten auf den Kuppen großer Geröllhügel. Felsen ragen wie mahnende Finger in den Himmel und plötzlich stehen wir vor der Traumkulisse des Tassili n' Ajjer, das sich von der südöstlichsten Ecke Algeriens bis hinein nach Libyen erstreckt. Es bietet eine der phantastischsten Fels-landschaften, die man sich nur vorstellen kann.     .            Tassili n' Ajjer be-deutet: "Plateau der Flüsse". Aber seit Jahrtausenden gibt es dort keine Flüsse mehr. Übriggeblieben sind riesige Schluchten und breite Täler, in denen früher das Wasser rauschte.
Der Blick hinunter in die Ebenen ist be-eindruckend: roter Sand, verstreute Akazien und schwarze Zeugenberge.
Richtige Freude will trotzdem nicht auf-kommen, zu sehr sind unsere Gedanken noch mit dem hinter uns liegendem beschäftigt.
Die Piste führt nun hinunter in die Talebene und gegen Abend erreichen wir tatsächlich die Hütten von Fort Gardel.
sahara_07Und was noch Schöner ist, es gibt eine Art Tankstelle mit einer einzigen, verwitterten Tanksäule und aus der fließt Dieselkraftstoff. Geschafft!
Von dem sogenannten Tankwart und seiner Familie werden wir sehr herzlich begrüßt und die angebotene Gastfreundlichkeit ist ja sprichwörtlich für solche Gebiete. Wir können dort übernachten und nur an solchen Orten wirken Lehmhütten wirklich gastlich. Obwohl, der servierte Café schmeckt, wie das Ganze aussieht. Aber wir sind zufrieden. So, wie uns die Wüste immer wieder lehrt, bescheiden zu sein und andere Wertmaßstäbe vom Leben zu bekommen.
Und überhaupt, die Wüste dürfte der einzige Ort auf der Welt sein, an dem sich alles auf das wirklich wichtige im Leben reduziert.
Nach dem Sonnenaufgang versorgen wir uns mit Wasser, Füllen den Tank und auch die Treibstoffkanister randvoll. Eine kurze Durchsicht des Autos und fahren in westliche Richtung.
750 Kilometer Ungewißheit trennen uns jetzt noch von Tamanrasset, als wir nach kurzem Suchen eine Art Piste gefunden haben. Die Sicht verschwimmt mal wieder im Nichts, so wie wir mittlerweile auch jegliches Gefühl für Raum  und  Zeit verloren haben. Wir wissen nicht mehr was für einen Tag wir haben, verlieren auch jeden Maßstab beim Fahren als wir nun westlich von Fort Gardel über die Ebene fahren. Die Ebene schwankt immer zwischen einem Kilometer bis hin zu etwa zwanzig Kilometern breite. Meine Gedanken beginnen um einen Steinhaufen zu kreisen, da sich unsere momentane Piste nach hundert Kilometern gabeln soll. Und dieser Steinhaufen von vielleicht einem halben Meter Höhe soll den Einstieg in die nach Tamanrasset führende Piste markieren. Fahren wir hier gerade aus, haben wir auf tausend Kilometer keinerlei Versorgungsmöglichkeit. Auch Hilfe von Dritten kann man nicht erwarten.
Starke Sandwinde erschweren nun das Fahren und irgendwie muß ich mich auf der Piste zu weit rechts gehalten haben. Stelle nur nach einem Blick auf Karte und Kompaß fest, daß wir schon viel zu weit gefahren sind. Dieses Häufchen Stein als Markierungspunkt verpaßt habe.

Als es dunkel wird, beschließen wir zu lagern, zumal auch der Sandwind mit unverminderter Stärke anhält. Und als es mit Kochen auch nichts wird, beschließen wir so gut es geht zu schlafen, um andern tags die Suche nach dem Steinhaufen fortzusetzen. Diesen Steinhaufen, der ja als Kreuzungspunkt gilt, haben schon viele Wüstenfahrer verfehlt. Der Vergleich einer Stecknadel im Heuhaufen drängt sich auf, als wir uns sehr früh auf den Weg begeben. Die Temperaturen sind dann noch erträglich und es sind noch Konturen aus Licht und Schatten auszumachen.
Versuche die hinter uns liegende Strecke zu rekonstruieren, um einen genaueren Standort bestimmen zu können, schlagen fehl.
Nichts !  Wir fahren kreuz und quer, im Unterbewußtsein werden wir immer nervöser, wollen nicht in Panik verfallen, als der Kilometerzähler schon dreistellig zählt. Wenn wir wenigstens den Einstieg zurück nach Fort Gardel finden würden ? Denn sollten wir noch länger umherirren, müssten wir unweigerlich zurück nach Fort Gardel um unsere Wasser und Treibstoffvorräte nochmals zu ergänzen.
Mittlerweile sind wir sehr still geworden. Keiner spricht mehr ein Wort und ich spüre Beklemmung hochsteigen. Es ist ein dumpfes, drückendes Gefühl in der Magengegend, das immer höher steigt.
sahara_09Warum kann man die Entfernung nicht mehr richtig abschätzen? Fahren wir auf der Stelle?
Unsere so forsch begonnene Wüstenfahrt beginnt voll-ends umzuschlagen in eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung. Unterschiedliche Licht-verhältnisse gaukeln unterschiedliche Entfern-ungen vor, wo das Abschätzen von Entfern-ungen fast unmöglich wird und bekommen Angst in                                     dieser grenzenlosen Weite.
Aus schierer Verzweiflung begehe ich ein Manöver, entgegen jeglicher Vernunft. In solch einer Situation und die auch schon anderen Wüstenfahrern zum Verhängnis wurde: Ich fahre nicht mehr in meiner eigenen Spur zurück zu unserem Bezugspunkt. Lasse mich von meinem Gefühl und Instinkt leiten, was normalerweise unsere Lage noch verschlimmert hätte. Dann stehen wir plötzlich davor, vor diesem Häufchen Stein. Urplötzlich tauchte das Häufchen Stein aus dem Nichts auf.
Ein unbeschreibliches Gefühl durchfuhr uns. Keiner sprach ein Wort und es dauerte einige Zeit, bis wir wieder klare Gedanken fassen konnten.
Dann begann die Rechnerei: Reicht durch die Irrfahrt Wasser und Kraftstoff ? Noch liegen über 600 Kilometer bis Tamanrasset vor uns. Wir hofften es einfach und fuhren weiter, um sicher zu gehen daß wir uns auch auf der richtigen Piste befinden. Nach einigen Kilometern waren wir sicher. Wir hatten es mal wieder geschafft und schlugen unser Lager auf. Versuchten unsere innere Spannung abzubauen, wobei auch das Auto nicht zu kurz kommen sollte. Das Auto hatte eine Inspektion bitter nötig. Eine dicke Staubschicht zierte mittlerweile unser Gefährt, aber viel besser sahen wir auch nicht aus.
Also: Ölwechsel, Abschmieren und das Wechseln aller Filter war angesagt. Nach zwei Stunden intensiver Arbeit in der Sonnenglut das Nächste Trauma: das Auto springt nicht mehr an. Außer dem Anlassergeräusch tut sich nichts. Die Ursache ist zwar schnell gefunden, nur, deren Beseitigung bereitet mir Kopfschmerzen. In der Einspritzanlage befindet sich ein Unterdruck und ergo, ich bekomme die Luft nicht aus dem System. Meine Nerven beginnen abermals zu flattern, ist das Auto doch eine Lebensversicherung für Reisen dieser Art. Was ist nur los ? Seit zwei Tagen steckt der Teufel im Detail.
sahara_10Zuerst verfahren wir uns, jetzt streikt das Auto! Ich werde immer nervöser und Gott sei Dank: Nach weiteren zwei Stunden, die mir endlos erschienen, läuft der Motor wieder. Zwar nicht in gewohnter Manier, aber immerhin, er läuft.
Ich gönne mir zwei Dosen von meinem ins alkoholfreie Algerien mitgebrachten Bier und sehne mich noch nach einer Dusche. Über zehn Tage liegt die letzte Dusche bereits zurück, aber bis Tamanrasset, was wir hoffen in drei bis vier Tagen zu erreichen, müssen wir uns schon noch gedulden. Frühmorgens ging es dann wieder auf den Weg in Richtung eines verlassenen, ehemaligen Französischen Forts, das uns auch als Orientierungshilfe dienen soll. Nach wenigen Kilometern bleibt das Auto wieder stehen. Es ist zum Verzweifeln. Nach einer kurzen Reparatur läuft der Wagen zwar wieder, aber wohl ist mir nicht dabei. Recht reizvoll ist die nun folgende Landschaft.
Hin und wieder tauchen Weichsandfelder auf, die ich versuche mit Schwung zu meistern, was jedoch nicht immer gelingt. Dann half nur noch eines: Das Auto frei zu schaufeln. Was bei dem ständig nach rieselndem Sand in Schwerarbeit ausartete. Half auch das nicht weiter, zeigten sich unsere Luftlandebleche als Retter in der Not. Dazwischen immer wieder landschaftliche Höhepunkte. Zählt doch die Route, die wir befuhren, zu einer der schönsten Langstrecken in der Sahara. Die Szenerie ist nie flach. Wir überquerten steinige Ebenen und sandige Queds,- und fast immer lagen Berge in Sichtweite. Drei Tage nach unserer Irrfahrt treffen wir auf Österreicher. Welch ein Gefühl in dieser Einsamkeit. Können wir doch seit der Begegnung mit den zwei Motorrad Fahrern wieder ein Gespräch in unserer Muttersprache führen. Außerdem wußten wir: die Zivilisation kann nicht mehr allzusehr entfernt sein. Seit Beginn der Golfkrise trifft man in arabischen Ländern selten auf Europäer, insbesondere in südlichen Landesteilen. sahara_11Obwohl, an den Anblick von Sadam Hussein Bilder in den größeren Oasen waren wir schon gewohnt. Nach einem herzlichen Abschied und mit allen guten Wünschen versehen, fuhren wir weiter. Wieder allein !
Dann ging es mal wieder zur Sache. Treppenstufen ohne Ende, bis wir schließlich gegen Abend eine kleine Oase erreichten.
Die Zivilisation hatte uns fast wieder. Schlagen auch unweit dieser Oase unser Lager auf, Fühlen uns aber immer kraftloser. Wir hofften, daß wir morgen Tamanrasset erreichen.
Als nach dem Dunkel werden jedoch Trommeln und Singsang ertönen, wird uns noch unwohler. Wir schlafen im Auto, ohne nicht vorher alles verriegelt zu haben. Und ich weiß nicht, wer in dieser Nacht unruhiger geschlafen hat.
Brutales Wellblech erwartet uns wieder. Wir sind genervt und gereizt, als die Sonne schon senkrecht am Himmel steht. Wir sehnen die legendäre Transsaharienne herbei. Die direkte Nord-Süd Route durch die Sahara und deren bessere Beschaffenheit "höhere" Fahrgeschwindigkeiten zulassen. Diese Route wird des öfteren befahren, insbesondere von Versorgungs-LKW's und führt in südlicher Richtung vierhundert Kilometer hinter Tamanrasset auf die Grenze zum Niger.
Nach einer uns vorkommenden Unendlichkeit stößt unsere Piste endlich auf die Transsaharienne. Es ist geschafft und wir atmen auf. Das Gröbste liegt nun hinter uns und wir wollen nun versuchen, Kilometer in Richtung Tamanrasset zu machen.
Trotz teilweise riesiger Schlaglöcher kommen wir gut voran, bis schließlich zwanzig Kilometer vor Tamanrasset das Auto seinen Geist aufgibt.
Dieses mal endgültig seinen Dienst quittiert. Und das in brütender Hitze ohne jeglichen Schatten. Zum x-ten Mal versuche ich der Ursache auf den Grund zu gehen und werde endlich fündig: Die Kraftstoffzuleitung ist verstopft. Wie solches passieren konnte, bleibt mir bis zum heutigen Tag ein Rätsel. Wie mir so vieles an der Sahara rätselhaft bleibt.
sahara_12Nach Beseitigung der Ursache läuft der Motor wieder wie am Schnürchen und ohne weitere Ver-zögerung erreichen wir das langersehnte Ziel: „Tam“ oder Tamanrasset.  
Das Poona Afrikas.
Unabhängig von der Himmelsrichtung, in die Reise weitergehen soll, ist „Tam“ ein magisches Wort. Weil es außer Wasser, Treibstoff und Begegnungen den Mittel-punkt der Wüste bedeutet und damit den Mittelpunkt unserer momentanen Welt. Als Hauptort des riesenhaften Südalgerien, dicht am Wendekreis des Krebses gelegen. Dazu Zentrum für ein Volk, dessen Name bei vielen magische Vorstellungen weckt: Ritter der Sahara, verschleierte Herren der Wüste,- das Volk der Tuareg!
Für uns bedeutete Tam in erster Linie das dort befindliche Hotel in zu Anspruch nehmen. Obwohl es keinerlei europäischen Anforderungen entspricht. Auf Komfort legen wir auch keinen Wert, entscheidend ist die Dusche und endlich mal wieder in einem richtigen Bett zu liegen. Die erste Dusche und Rasur nach fast vierzehn Tagen lassen mich wohl derart verändert erscheinen, daß mich der Portier nicht mehr erkennt, als ich ihn späterhin nach einer Auskunft frage.
Wir versuchen, uns zwei Tage lang zu erholen. Fühlten uns auch fast wieder wie normale Menschen, als wir uns auf den Weg Richtung Norden machen. Wir schlagen nun den direkten Weg auf der Transsaharienne nach Norden ein.
2500 Kilometer trennen uns "nur" noch von Tunis. Passieren nun die grandiosen Schluchten des Arrak Gebirges. Ernähren uns wieder aus der Dose, sind guten Mutes und lassen uns auch von hin und wieder auftretenden Sandwinden nicht beirren. Auch sind die Probleme mit dem Auto vergessen, als in der Ferne die ersten Palmkronen von In-Salah auftauchen. In-Salah gilt als der heißeste Ort der Sahara.
Rekordtemperaturen von über 56 Grad wurden dort schon gemessen. Im Schatten wohlgemerkt ! Gott sei Dank nicht bei unserer Ankunft.
Bedenken hatte ich nur wegen der dort ständig herrschenden Sandwinden. Oder gar Sandstürmen, von denen In-Salah überdurchschnittlich oft heimgesucht wird. Dazu hatte ich In-Salah von einer früheren Motorrad Tour in schlechter Erinnerung. Wir hatten jedoch Glück!
Genießen wieder die Annehmlichkeiten des dortigen Hotels und beginnen langsam unsere Reise zu genießen.
Leichte Sandwinde kamen auf, als wir weiterfahren mit dem Ziel: Tademait Plateau. Dieses gilt es noch zu meistern.
Wir passierten einige Zeug- und Tafelberge, umfahren Sandverwehungen bis wir vor der Abbruchkante des Plateaus stehen. Fahren hinauf auf die Tademait-Hochebene in die Wüste der Wüsten,- oder Garten des Satans, wie man die folgende Hochebene auch nennt.
sahara_13Das Gelände ist völlig eben. Absolut vege-tationslos und über und über mit groben Steinen bedeckt. Eine flache Felsebene soweit das Auge reicht. Nicht die geringste Abwechslung. Wie ein Alptraum. Das ist die Wüste in ihrer wirklich einsamsten und abschreckenster Form und wir sind froh, als wir nach 300 Kilometern die Wüste der Wüsten hinter uns lassen. Die Strecke führt nun wieder durch klassische Bilderbuch-Wüste mit wunderschönen Lagermöglichkeiten, wovon wir Gebrauch machen. Lassen die Einsamkeit auf uns einwirken, in der man fast glaubt, seinen Pulsschlag zu Hören. Und überhaupt: Die Weite und Einsamkeit der Sahara kann man mit Worten nur schwer beschreiben. Man kann sie nur erleben.
In El-Golea hat uns dann die Zivilisation endgültig eingeholt. Eine sehr schöne Oase, deren Herz Tausende von Dattelpalmen bildet. Und zwei Annehmlichkeiten ziehen uns wieder an: Das Hotel und gekühlte Getränke.

Während der unumgänglichen Anmeldeprozedur, die Nummern unserer Reise-Pässe kenne ich mittlerweile auswendig, -eröffnet der Portier, daß die Wasserpumpe kaputt ist. Wir überbrücken solche Pannen schon mit Gleichmut und nehmen mit bereitstehenden Wassereimern Vorliebe.
Morgens, als die Sonne noch normal scheint, machen wir einen Ausflug zur Kirche Saint Joseph. Dem ersten christlichen Gotteshaus in der Sahara und statten auch der zerstörten Festung am Rande von El-Golea einen Besuch ab.
sahara_14Zurück von dem Fußmarsch zur Festung, stelle ich mit entsetzen fest: Die Hecktür unseres Gelände-wagens ist offen! Mein Schlafsack und Jacke sind weg. Zum Glück, im Unglück, mein Handkoffer mit sämtlichen Wert-sachen, einschließlich Geld und noch wichtiger, Papieren, liegt noch auf dem angestammten Platz. Den müssen die, oder der Dieb, in  der Eile  über-             Bilderbuch Sahara
sehen haben. Aufatmen !
Nicht auszudenken, wäre der Handkoffer auch weg.
Ziemlich verärgert begeben wir uns auf die Weiterreise nach Ghardaia. Der Stadt der Mozambiten. Es zieht sich eine schnurgerade Straße nach Norden, die sehr trostlos auf uns wirkte. Zwei, drei armselige Siedlungen und einige weidende Kamele als optische Höhepunkte, bevor sich wieder bewohntes Gebiet ankündigt. Über sanfte Hügel liegen Fünf weiße Städte wie hingesteuert. Dazwischen Palmenhaine wie aus 1OO1 Nacht. Wir fahren hinein nach Ghardaia, beschließen hier zu übernachten und wollen uns die Stadt ansehen. Die Gassen ziehen sich an den Hängen hoch und lassen die Häuser wie aneinander geschachtelt wirken.
Torbögen verbinden das Ganze und mittendrin, am höchsten Punkt, stösst man dann auf die Moscheen, in die der Muezzin die Moslems fünfmal täglich zum Gebet ruft.
Eine Tagesetappe trennt uns jetzt nur noch von der Souf-Region um El-Qued, womit der Kreis unserer Wüstenfahrt wieder geschlossen wäre.
Dann wieder der Souf mit seinen weiß-gelben Dünen so weit das Auge reicht. Dazwischen immer wieder Palmwipfel.
Wir beginnen langsam all unsere Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten, als wir auf die tunesische Grenze zufahren.
Großzügig ist die Zollkontrolle auf algerischer Seite im Gegensatz zur tunesischen, wo sich die Zöllner regelrecht gockelhaft benehmen.
Endlich, nach vollbrachter Amtshandlung und vier Stunden später hebt sich der Schlagbaum und eröffnet uns den Weg nach Tunis.
Auf viele entbehrungsreiche und ebenso viele staubige Kilometer schauen wir nun mit Stolz zurück, als unser Schiff in Tunis mit Richtung Genua ablegt. Und wir wissen schon heute: Der Wüstenbazillus sitzt doch tiefer wie wir dachten.
Wir kommen wieder.
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Aktualisiert ( Mittwoch, den 18. November 2009 um 06:03 Uhr )  

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