Mit 3136 Metern über dem Meeresspiegel ist der Mont Chaberton der höchste mit dem Motorrad erreichbare Punkt in den Alpen. Und seine Befahrung gehörte für mich zu den interessantesten Herausforderungen mit dem Motorrad.
Dieses Gefühl hatte ich das letzte Mal vor vier Jahren. Es war in der algerischen Wüste. Der Sahara. Und es galt Dünenkämme, Tiefsandfelder und Geröllhalden zu befahren, die man normalerweise noch nicht zu Fuß betreten würde.
Als ehemaliger Gelände und Moto-Cross Fahrer lernte ich zwar, wie man mit Mut und Geschick scheinbar unüberwindbares Gelände auf zwei Rädern überwinden kann. So erschien es mir heute wieder unmöglich, diese endlosen Steigungen und Gefälle mit einer 1000 ccm starken, zweizylindrigen Enduro überstanden zu haben.Den ganzen Vormittag hatte ich mir eingeredet: da waren schon einige oben, das ist nichts besonderes.
Denn aus Schilderungen wußte ich, daß es der Mont Chaberton in sich hat.Der Himmel ist strahlend blau als wir in aller früh aus den Schlafsäcken kriechen. Wir,- das sind Thomas, ebenfalls ein Ex-Crosser und ich. In dem Dörfchen Fenils, im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich liegend, biegen wir von der Hauptstraße ab. Es ging auch gleich zur Sache. Mit bestimmt 20 Prozent Steigung ging ein ausgewaschener Waldweg bis zur Baumgrenze empor. Immerhin, wir strebten weiter nach oben.
Die Baumgrenze liegt jetzt hinter uns und beängstigende Querpassagen tauchen auf, die sich an den Felswänden entlang quetschen. Zahlreiche Stellen waren auch schon abgerutscht und ich durfte überhaupt nicht in die Tiefe sehen. Wenig vertrauend erweckend sah das Ganze aus. Dazu Schotterbrocken in Kindskopfgröße.
An manchen Stellen wies die Piste gerade mal 50 Zentimeter Breite auf, so daß ein Zylinder des Boxermotors schon über dem Abgrund schwebte. Es artete schon in Mutproben aus die schweren Motorräder weiter voran zu treiben. Und als wir den ersten Zwischensattel erreichten merkten wir recht deutlich wie die Anspannung aus den Nerven entweicht. Der Gedanke, hier wieder jederzeit drehen zu können schaffte dann noch zusätzliche Erleichterung.
Und es lauert auch kein Abgrund an dem das Vorderrad vorbei hüpft. Doch bald sollte sich das wieder ändern, denn wie nicht anders zu erwarten, hüpfen unsere Motorräder über Schotter schon auf die nächste Steilwand zu.
Vielleicht hatten wir den Aufstieg mit den schweren Enduros doch etwas unterschätzt.
Starke Regenfälle in den letzten Wochen haben der Piste doch arg zugesetzt. Obwohl, die entsprechen- den Passagen am Mont Chaberton sind wesentlich harmloser als die teilweise wahnsinnigen Pisten die ich in der algerischen Sahara befuhr. Und die letzten Kehren zur Paßhöhe sehen doch recht heikel aus. Ich gehe mit der schweren Maschine auf Nummer Sicher indem ich mehrmals zurück setze, anstatt im Power Slide durch die Kehren zu driften.
Auf der Paßhöhe angelangt genießen wir erst einmal die Aussicht.
Ein unbeschreibliches Gefühl, zwischen den teilweise senkrechten Felswänden mit den Schwergewichtigen Enduros herum zu kraxeln.
Dazu ein Panorama von vergletscherten Gipfeln. Hier gibt es auch keine Grenzpolizei und keinen Zoll.
Unvorstellbar, daß hier oben einmal ein Kriegsschauplatz war.
Die Piste zum Mont Chaberton ist nämlich eine verfallene Militärstraße hinauf zu einer Festung, die Krone des Mont Chaberton bildet.Aber bis dahin ist es noch ein beschwerlicher Weg. Die Kehren wurden nun noch enger, die Piste noch schmaler und der Schotter noch grober. Der bodenlose Schotter macht sich vor allem in den mittlerweile extrem eng gewordenen Kehren breit und erleichtert nicht gerade den Anstieg. Geht man hier vom Gas und nimmt damit den Zug vom Hinterrad, hat man wenig Chancen in eleganter Manier davon zu kommen. Kein leichtes unterfangen mit den schweren Maschinen, obwohl wir alles überflüssige Gepäck im Tal ließen.
Angesichts der letzten Kehren überfällt uns dann doch noch der Gipfelrausch und jeder der Ähnliches kennt, weiß, wie einem nach Stunden voller Konzentration und Anstrengung zumute ist.
Der Gipfel präsentiert sich als schräg abfallendes, längliches Plateau von der Größe eines Fußballfeldes. Und unterhalb des Grates reihen sich die Türme der ehemaligen Festung aneinander.
Ich stelle die Enduro oberhalb der Festung ab, mache das obligatorische Gipfelfoto um anschließend das Plateau zu erkunden. Hatte ich bis jetzt etwas Bammel vor dem Abstieg, so war sie letztlich harmloser als befürchtet.
Die Kehren waren zwar noch genauso eng, doch kann man es geruhsamer laufen lassen und jederzeit stehen bleiben.
Man muß nicht mehr mit Schwung und Kraft am Abgrund vorbei zirkeln. Ich muá nur einmal schieben, wo die Piste sich an der Felswand entlang zwängt und große Steine die Fahrt etwas behindern. Keine große Aufgabe für einen Ex-Crosser. Danach geht es im flotten Tempo talwärts bis uns der Asphalt wieder hat.
Dazu die Gewissheit, die Motorradsaison mit einem schönen Erlebnis abgeschlossen zu haben.






