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Amazonien

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Amazonien - oder der Mythos von der "Grünen-Hölle"
Durch die faszinierende Welt der Tropenwälder - von Belem nach Manaus.

Von Manaus den Rio Negro aufwärts, so sollte die Verwirklichung eines lang gehegten Jugendtraumes aussehen, bis er Wirklichkeit wurde.
Was ist dran am Mythos Amazoniens, fragte ich mich, als ich mit meinen Vorbereitungen begann? Die Reise sollte so aussehen, daß ich zunächst nach Belem, am Amazonasdelta gelegen, reise. Von dort wollte ich mit einem Flußboot ca.1800 Kilometer Stromaufwärts bis nach Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas. Und Manaus sollte dann Ausgangspunkt für eine Regenwald Exkursion in Richtung Westen sein. Den Rio Negro aufwärts.
amazonien_01Ich wollte in Regionen, die in erster Linie dem Individualreisenden offensteht und keinen Pauschaltrip. Wollte mir keinen Alligator am Strick und keine Anaconda in der Kiste vorführen lassen. Das war es nicht was ich suchte und wollte. Amazonien pur. Dies war mein Ziel. Der Rückflug sollte dann von Manaus aus, mit einigen Tagen Zwischenstopp in  Rio de Janeiro erfolgen. Einfach zum Ausspannen. Dies waren meine Vorstellungen als ich mit meinen Vorbereitungen begann.
Und ich merkte bei den Vorbereitungen immer mehr, daß dieses riesige Gebiet ein gewisses Maß an Vorkenntnis erforderte. Denn  man findet kaum etwas vor, was in normalen Urlaubsgebieten vorhanden ist - nämlich eine touristische Infrastruktur. Und dies sollte das Reisen in diesen Winkel der Erde beschwerlich, oder aber reizvoller und interessanter machen. Alle in Frage kommenden Informationsstellen konnten mir auch keinerlei detaillierte Auskünfte geben, insbesondere über regelmäßig verkehrende Flußboote.
Und auch weitgereiste Globetrotter winkten ab: keine Ahnung! Ich lies mich jedoch nicht beirren und plante weiter, bauend auf Erfahrungen von früheren Extrem Reisen.
Ein bisserl was geht immer, dachte ich mir.
Mein Hauptproblem dürfte wohl die Sprache sein. Landessprache ist Portugiesisch, doch es wird auch Spanisch verstanden. Ich hatte natürlich von keiner Sprache eine Ahnung.

Auf Flughäfen und in Internationalen Hotels wird zwar Englisch gesprochen, doch im Hinterland sollte kein Mensch Englisch sprechen.
Also versuchte ich, mir vor Antritt der Reise wenigstens in Grundzügen ein Paar Brocken Portugiesisch beizubringen.
Dann galt es gesundheitliche Vorsorgen zu treffen und abzuwägen, welche Impfungen für das Gebiet am sinnvollsten sind. Gesetzlich sind Impfungen zwar nicht vorgeschrieben, für das Amazonasbecken jedoch unbedingt anzuraten.
Der zweite Schritt war die Bestimmung des für mich günstigsten Zeitpunktes, zumal ich nur mit kleinem Gepäck, einem Rucksack reisen wollte.
amazonien_02Ich entschied mich dann für den brasilianischen Herbst. Die Zeit nach der Regenzeit.
Obwohl man im Amazonasgebiet von dieser Zeit eigentlich nicht sprechen kann. Mit täglichen Schauern muß man immer rechnen. Und so kam für mich letztlich der Monat Mai in Frage, als ich begann die für mich Vorteilhaftesten Flug-verbindungen heraus zu suchen.
Fündig wurde ich dann bei einer brasilianischen Fluggesellschaft, deren Preisgestaltung für mich akzeptabel war und auch bei den erforderlichen Inlandsflügen nicht über Gebühr belastet wurde. Den Rückflug von Manaus lies ich unbestätigt, da  ich nicht wußte, inwieweit sich ein mir auferlegter Zeitplan realisieren läßt. Darüber hinaus konnte ich auch nur auf einen Jahresurlaub zurück greifen.
Die anfänglichen Gedanken, die Distanzen in Brasilien im Bus hinter mich zu bringen, verwarf ich schnell, als ich mich eingehender mit der Geographie Brasiliens befaßte.
Brasilien ist die fünftgrößte Nation der Erde und die Bundesrepublik Deutschland hätte 34 mal Platz in seinen Grenzen.
Allein der Bundesstaat Amazonas ist gut sechsmal so groß wie die BRD bei nur 1,5 Millionen Einwohnern. So sah meine Planung vor, daß ich mit diversen Umsteigestops über Sao Paulo, Rio de Janeiro und Brasilia nach Belem fliege.
Sah auch keine größeren Probleme mehr, als der Tag der Abreise näher rückte. Der Rucksack war schnell gepackt als mich am Abend des 30. April 1997 meine Frau auf dem Frankfurter Flughafen absetzte.
Dreißig Stunden später, diverse Umsteigestops und Wartezeiten mit einbezogen, stand ich schließlich nachts um 02:00 Uhr auf dem Flughafen in Belem. Feucht heiß wehte es mir zwar schon beim Aussteigen aus dem Flieger entgegen, was sich bei der Taxifahrt Richtung Stadt noch verstärkte. Zielort war ein Hotel, daß etwa fünf Kilometer außerhalb des Stadtzentrums lag.
amazonien_03Inwieweit das Hotel eine gute Wahl war, wußte ich zu dem Zeitpunkt auch noch nicht. Jetzt ging es erst einmal darum den Jetlag abzubauen, mich auszuruhen und langsam an das Klima zu gewöhnen, bevor ich das geplante Vorhaben in Angriff nahm. Überrascht war ich zunächst über die Hotel-preise, wo keinesfalls die Relation zu dem    gebotenen stimmte.
War auch nicht bereit viel Geld für einen Standard zu bezahlen, der allenfalls dem einer deutschen Jugend-herberge entspricht.
Im Moment sollte es mir jedoch egal sein. Für mich galt es jedoch erst einmal auszuschlafen um dann weiter zu sehen. In Zentrumsnähe kann ich ja immer noch umziehen, als ich zum Fenster heraus schaue und das umliegende Elendsviertel, die sogenannten "Favelas" sehe, die um das Hotel gruppiert sind. Endlich in Belem, dem Tor zum Amazonas. Dabei ist das falsch. Belem liegt vielmehr am Rio Tocantins. Da dieser jedoch durch einen Nebenarm mit dem Mündungsdelta des Amazonas verbunden ist, sollte man es großzügig gelten lassen, daß Belem mit einer Million Einwohnern nicht nur die äquatorialste Großstadt der Welt ist, sondern eben auch am Rande des Amazonas Deltas liegt. An die unmittelbare Nähe der sogenannten "Grünen Hölle", die der Wirklichkeit entsprechend besser "Grünes Paradies" heißen müßte, wird man in der Hafenstadt immer wieder erinnert. Allein schon durch die tropische Hitze, als ich mich von meinem Hotel in Richtung Zentrum begebe.
Benutze einfach einen Bus ohne zu wissen, ob ich letztlich auch in dem Zentrum lande.
Als erstes musste ich mich an die Fahrkünste der Busfahrer in Brasilien gewöhnen. Bekam immer mehr den Eindruck, daß sich jeder Busfahrer als Nachfolger des in Brasilien unvergessenen Rennfahrers Ayerton Senna sieht. Aber nicht nur der Busfahrer, das Chaos, der Lärm und die Abgase arten schon in ein für mich unbeschreibliches Durcheinander aus. Dazu die Mischung aus Hochhaustürmen und Elendsquartieren als ich mich als nächstes auf die Suche nach einer für mich günstigsten Schiffsverbindung von Belem nach Manaus begebe. Im Hafengebiet werde ich nach kurzer Zeit auch fündig. Siebzig US Dollar für einen Hängemattenplatz, einschließlich Verpflegung ist nicht die Welt, und begebe mich zu dem angegebenen Liegeplatz, um mir ein Bild von dem zu verschaffen, was mir für die kommende Woche als Transportmittel dienen soll.
Dann traf mich fast der Schlag als ich einige der schon anwesenden Reisenden sah. Martialisch aussehende Gestalten lümmelten sich in den Hängematten. Nein, das muß ich mir wirklich nicht antun und sah mich im Geist schon ohne Gepäck, wenn nicht gar um Leib und Leben fürchtend. Auf diese Art und Weise wollte ich die Lebensweise auf dem Amazonas nicht unbedingt kennenlernen. Bei einer anderen Flußschiffreederei wurde ich dann unter Vorbehalt fündig.
Kommen sie zu Wochenbeginn wieder, dann sehen wir weiter. Naja, warum nicht, und war eigentlich guten Mutes.
Die Reederei machte auf mich und für hiesige Verhältnisse einen halbwegs seriösen Eindruck. Jetzt lockte der Amazonas.
Suchte und fand auch ein preiswerteres Hotel in Zentrumsnähe in das ich in den nächsten Tagen ziehen wollte, bevor ich mich wieder in das momentane Hotel am Stadtrand zurück zog.
amazonien_04Das Klima machte mir doch noch mehr zu schaffen als ich wahrhaben wollte. Dazu machte sich noch Müdigkeit breit. Denn will man die einzigartige Atmosphäre, insbesondere die der Märkte erleben, sollte man dies ziemlich früh und aus-geschlafen tun. Und ich hatte ja Zeit, als ich anderntags sehr früh auf dem Weg in die Stadt war. Belems größte Attraktion ist wohl der Vero-O-Peso Markt. Dieser Markt rund um den alten Fischereihafen, soll einer der farbenprächtigsten Märkte Südamerikas sein.

Wobei der Reiz des Marktes wohl darin liegt, daß er kein künstlich geschaffener Touristenmarkt ist.  
Für die Flußschiffer und Händler der Region ist er ein lebenswichtiger Umschlagplatz ihrer Waren.
Ich folgte einfach dem Strom der Menschen und mein erster Weg führte in die Fischhalle. Frisch gefangene Fische aus dem Amazonas lagen auf dunkelgrünen Blättern, die das Packpapier ersetzen und vieles wirkte auf mich fremd und exotisch.

amazonien_05Vieles wirkte auf mich fremd und exotisch

Ein großes Drahtnetz überspannt den nicht überdachten Innenhof um die zu Dutzenden über dem Markt kreisenden Aasgeier abzuhalten, sich nicht auf die ausgelegten Waren zu stürzen. Dann wieder im Freien, Gassen mit Obst und Gemüse. Was man sich nur an Früchten vorstellen kann- hier findet man sie: rote Bananen, Meterbohnen, Berge von Limonen und exotischen Obstsorten, deren Name mir nicht mehr einfallen will. Bei weiteren Erkundungsgängen durch die Budengassen stieß ich auf andere kuriose Dinge: Da gab es konservierte Schlangen und gegen Schlaganfall wurden getrocknete Geschlechtsteile von Krokodilen angeboten, aus denen man angeblich Tee kochen kann. Und in rauhen Mengen immer wieder Fisch.
amazonien_06Stundenlang hätte ich mich auf dem Markt herum treiben können. Aber da ich ja beschlossen hatte am nächsten Tag mein Hotel zu wechseln, wobei das neuerliche Hotel im Vero-O-Peso Viertel lag, dachte ich, besteht ja noch des öfteren die Möglichkeit den Markt zu besuchen und trat den Rückweg an.
Anderntags packte ich meine Habseligkeiten und fahre mit dem Bus in die Stadt. Verpasse natürlich den für mich günstigsten Punkt zum Aussteigen und lande nach einer Irrfahrt in einer Art Busdepot. Das Depot lag am Rande des Elendsviertels und in Anbetracht meines Gepäcks bekam ich ein flaues Gefühl in die Magengegend. Also, das Ganze kehrt und wieder von vorn. Beginne vor mich hin zu fluchen bei dem späteren Marsch in dieser mörderischen Hitze. Als ich das Vero-O-Peso Viertel und das Hotel gleichen namens erreichte, klebte mir alles am Körper.
Apropos Hotels, sieht man einmal von einigen brasilianischen Luxushotels mit europäischem Standart ab, so wird abseits von Touristenhochburgen wie z.B. Rio de Janeiro, das Angebot schlagartig schlechter, aber nicht unbedingt billiger, so daß ich oftmals  meinen Schlafsack auf dem ausrollte was man in Deutschland als Bett bezeichnen würde. Was ich bis dato auch noch nicht wußte, daß Motels in Brasilien nicht etwa Hotels sind, sondern Stunden-hotels. Man lernt eben nie aus.
Nachdem ich mich im Vero-O-Peso einquartier-te, entschloß ich mich am späten Nachmittag zu einem Spaziergang. Das Viertel lag ziemlich ausgestorben da und denke noch: alles tote Hose!
Einen Moment verweilte- und auf den Fluß blickte. Ich hatte noch nicht richtig zu ende gedacht, als mir plötzlich  jemand die Arme auf den Rücken riß, vor mir ein Messer aufblitzte und ein dritter Komplize sich an meinen Hosentaschen zu schaffen machte, nachdem er meine Uhr schon vom Handgelenk gerissen hatte. amazonien_07Zuerst dachte ich zu träumen, wusste gar nicht wie mir geschah, als der Typ mit dem Messer auch noch begann, sich für meinen Gürtel zu interessieren. Dann setzte wohl etwas in mir aus und lies mich jegliche Vernunft vergessen. In dem Gürtel, einem sogenannten Geldgürtel, befand sich meine gesamte Barschaft.

Aus einem Reflex heraus trat ich mit dem Knie zu und nutzte die Schrecksekunde der Ganoven zur Flucht.
Glück war für mich, daß sich der Hoteleingang in der Nähe befand in den ich letztlich flüchten konnte. Nicht auszudenken, hätte sich der Hoteleingang nicht in der Nähe befunden. Mit meinen Badelatschen wäre ich sicherlich nicht weit gekommen. Und bei dem brutalen Vorgehen der Ganoven hätte der Messerheld vor dem Gebrauch seiner Waffe bestimmt nicht zurück geschreckt. Aber mir stand erst einmal der Schreck ins Gesicht geschrieben. amazonien_08Es war weniger die gemachte Beute der Ganoven von etwa 25 Dollar, Armbanduhr und diversem Kleinkram. Nein, es war der Schreck und der Gedanke wie ich mich wohl demnächst verhalte. Vielleicht verhielt ich mich schon zu sorglos. Es änderte jedoch nichts daran, daß die folgende Nacht für mich kein Ende nehmen wollte. Schlief unruhig und sah mich ständig irgend welchen Überfällen ausgesetzt. Stand dann sehr früh auf, ein karges Frühstück folgte und mußte dann, ob ich wollte oder nicht, auf die Straße zu dieser Flußschiff Reederei. Ich hatte Glück!
Nachdem ich mit Hilfe des Wörterbuches und viel Gestik mein Debakel vom Vortag klarmachte, hatte man wohl ein Einsehen, daß ich so schnell wie möglich Belem verlassen wollte. Der Mitarbeiter stellte ein Ticket aus und daß auch noch für einen Kabinenplatz. Und zwar die Kabine, die in der Regel für mitfahrende Inspektoren der Reederei reserviert ist. Ich hatte also eine Kabine, brauchte mit keinem Hängematten-Platz vorlieb zu nehmen und konnte mein Glück noch nicht fassen. Als es an das bezahlen ging, musste ich passen. Natürlich hatte ich den geforderte Betrag in brasilianischen Währung, dem Real, nicht in der Tasche. Also wieder zurück in das Vero-O-Peso Viertel.
Im Hotel den entsprechenden Betrag in US Dollar aus meinem Versteck entnommen, da ich selbst im Hotelzimmer meine Wertsachen nicht sicher wähnte.
Und mit einem flauen Gefühl im Magen ging es wieder über die Strassen in die nächste Bank zum tauschen. Anschließend wieder zur Reederei. Mir kam das Ganze schon wie ein Spießrutenlauf vor, als ich erleichtert und unbeschadet das Gebäude der Reederei betrat. Geschafft! Ich halte mein Ticket in der Hand. Abfahrt Mittwochabend um 20:00 Uhr und heute haben wir erst Montag. Naja, die Zeit wird auch noch vorüber gehen und meine innere Anspannung lässt nach. Merke wie sich meine Nerven beruhigten.
Und das sollte erst der Anfang des Trips sein, aber es sollte noch schlimmer kommen.
Im Umgang mit Bussen mittlerweile auch etwas erfahren, Zeit hatte ich ja, kam ich auf die Idee, mit dem Bus zu meinem vorherigen Hotel zu fahren. Das dortige Restaurant war nicht schlecht. Dazu ist Busfahren in Brasilien spottbillig. War auch schon fast am Ziel, als vier Gestalten zustiegen. Drei stiegen am hinteren Eingang ein, einer zwängte sich durch den vorderen Eingang. Was dann geschah, glaubte ich zunächst zu träumen und wähnte mich in einem schlechten Wild West Film bis mir die Kinnlade herunter fiel. Der Typ der den vorderen Eingang benutzte, hielt dem Fahrer einen Revolver an die Schläfe und achtete darauf, daß er keine Dummheiten macht und auch schön langsam fährt. Einer von den hinten eingestiegenen Komplizen hielt den Busschaffner fest und bewachte den hinteren Ausgang. amazonien_10Die anderen zwei gingen an den Sitzreihen entlang und ließen sich alles aushändigen was für sie irgendwelchen Wert darstellte. Und wer nicht schnell genug mit Geld, Schmuck oder Einkaufstaschen rausrückte, wurde mit Faustschlägen traktiert. Als sie dann mit einsammeln fertig waren, was sehr schnell ging, zwangen sie den Fahrer zum Halten, sprangen aus dem Bus und waren urplötzlich im Elendsviertel untergetaucht. Für die anderen Fahrgäste schien das wohl nichts ungewöhnliches zu sein, denn nach kurzer Debatte, wobei es wohl um Polizei, ja oder nein ging, entschied sich der Fahrer für die Weiterfahrt. Und wie ich später erfuhr, soll es sogar Busse geben die mit schöner Regelmäßigkeit überfallen werden. Und die Polizei ist machtlos.
In den folgenden Momenten fühlte ich mich auch machtlos, und zwar gegen meine flatternden Nerven, als ich dem Bus entstieg und zu dem Hotel ging.
Ich suchte zwar das Abenteuer, dachte dabei aber mehr an den Dschungel und nicht an das Überleben im Stadtdschungel. Was mir mittlerweile viel gefährlicher erschien. Und da mir der Appetit vergangen war lies ich mich von dem Hotel mit einem Taxi in das Vero-O-Peso Hotel fahren.
Erschienen mir die Busfahrer noch wie verhinderte Rennfahrer, belehrten mich die Taxifahrer noch eines besseren. Und ich weiß nun was es heißt, sich im brasilianischen Straßenverkehr durchzusetzen und zu behaupten. Als ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen habe, lasse ich den Fahrer von der Rezeption im Hotel entlohnen und schloß mich in meinem Zimmer ein.
Musste einfach erst einmal Abstand gewinnen. Da war einiges zuviel für mich. Was für ein Streß!
Das Brasilien ein Land mit viel Elend und Armut ist, war mir ja bekannt. Daß aber in den Großstädten die Kriminalität in dieser Art von roher Gewalt, ein großes Problem ist, wollte ich bis dato nicht glauben. Oder hatte es einfach verdrängt.
Etwas Bargeld sollte man jedoch immer einstecken haben. Griffbereit in Hemd, oder Hosentasche. Einem Touristen nimmt man es im Falle eines Überfalles nämlich nicht ab, daß er kein Geld bei sich trägt. In solch einem Fall bringt man sich selbst in ernste Gefahr und ich redete mir ein: amazonien_11Besser ohne fünfzig Dollar und Armbanduhr zu leben,- als wegen fünfzig Dollar sein Leben zu riskieren! Das sind ja tolle Aussichten denke ich, und daß ich trotz meines mittlerweile gammligen Outfits sofort als Europäer auszumachen bin, scheint mir wohl auf die Stirn geschrieben zu sein. Und ich habe noch fast vier Wochen vor mir. War aber immer noch gewillt, meine Tour wie geplant fortzusetzen und nahm mir vor, die noch verbleibende Zeit bis zur Abfahrt des Bootes keinen Bus mehr zu benutzen. Die Zeit so gut es geht im Hotel zu verbringen, um das Kapitel Belem dann abzuschließen.
Zumal sich auch eine leichte Übelkeit breit machte. Ursache war wohl die permanente Anspannung der letzten 48 Stunden. Dazu die Hitze und die fürchterlichen Abgase die über    Belem wie eine Glocke lagen.
Dann begann tatsächlich so etwas wie eine Art Glückssträhne, als ich begann mein Gepäck zu verstauen, um mich auf den Weg zu der Anlegestelle des Bootes zu begeben. Es regnete Wolkenbruchartig, wie es nur in den Tropen regnen kann. Also, Regenjacke an, Kapuze über den Kopf, den Rucksack mit einer Regenhülle versehen und im Laufschritt zu der Anlegestelle.
Mir fielen Backsteine vom Herzen als ich von den Wachleuten der Reederei mit ihren umgeschnallten Revolvern in Empfang genommen wurde. Und bevor das Boot anlegte, sprach mich ein älterer Mann auf Englisch an. Stellte sich als Mitarbeiter der Reederei vor und gab Anweisung, auf mich zu achten, nachdem ich von meinen Erlebnissen in Belem berichtete. Was wollte ich noch mehr?
Durfte dann als erster an Bord. Zu meiner Überraschung war die Kabine auch noch eine Außenkabine in Höhe der Brücke. Und ich entledigte mich erst einmal meines Regenzeugs. Nun darf man diese Kabinen natürlich nicht mit denen eines Traumschiffes vergleichen. Was mir aber egal war. Meine Ansprüche, auch in puncto Hygiene und Sauberkeit waren sowieso schon auf unterste Schublade gesunken. Trotzdem, die Kabine war nett eingerichtet. Es gab einen Kleiderschrank, eine kleine Schreibecke, sowie eine Dusche und Toilette. Nun, für acht Tage und sieben Nächte, denn so lange dauerte die Fahrt flußaufwärts nach Manaus, konnte ich es gut aushalten.
Nachdem ich auch mein Gepäck verstaut hatte, ging ich zurück auf Deck, um das Leben und Treiben auf dem Pier zu beobachten.
Die Ausnahmslos Einheimischen Passagiere bevölkerten die Hängematten-Decks und der Kampf um die besten Plätze setzte ein. Alles schön getrennt nach Männlein und Weiblein. Verheiratet und Unverheiratet. Sie hängten ihre mitgebrachten Hängematten auf und damit hatte es sich. Trotzdem herrschte großes Gedränge. Diese Art von Booten ist ja auch nicht für den Normaltouristen konzipiert, sondern in erster Linie für den Personen- und Warentransport Einheimischer. Die einheimische Bevölkerung ist eben einen anderen Lebensstil gewöhnt, was man auch an den sanitären Einrichtungen sieht.
Auch mir kostete es anfangs eine gehörige Portion Überwindung, konnte aber damit leben wenn die Kakerlaken ihre Rennbahnen in Betrieb nahmen. Eigentlich hätte ich ja auch auf dem Hängematten-Deck sein können, fand es aber so besser, schon in Anbetracht meines Gepäcks. Als Alleinreisender kann ich mein Gepäck ja nicht ständig im Auge behalten. Da kam mir die Kabine gerade recht und über den Preis der Passage in Höhe von umgerechnet 215 US Dollar inklusive Verpflegung, konnte ich auch nicht meckern.
Endlich, gegen 21:00 Uhr lässt der Kapitän die Sirenen aufheulen und die Leinen wurden los geworfen. Das Boot drehte auf die breite Flußmitte zu und lässt die Lichter von Belem schnell in der Dunkelheit verglimmen.
Meine lang erwartete Fahrt auf dem Amazonas hatte begonnen.
Kein anderer Strom der Erde kann sich mit ihm messen. Allein auf brasilianischem Boden weist der Amazonas über tausend Nebenflüsse auf.
Er führt die siebzehnfache Wassermenge des Nils und legt von seinem Quellgebiet bis zur Mündung über 6500 Kilometer zurück. Damit ist er der längste Fluß der Erde.
Der Amazonas ist überhaupt ein Fluß der Superlative: Seine durchschnittliche Breite liegt bei 2,8 Kilometern, dehnt sich jedoch Streckenweise auch 5 bis 6 Kilometer in die Breite und im Mündungsdelta sogar 250 Kilometer. Er stellt 1/5 der Süßwasserreserven der Welt dar.
Allein die Wassermengen die sich täglich in den Atlantik ergießt, würde ausreichen, um eine Stadt mit 1 Million Einwohnern 9 Jahre lang zu versorgen. Und da der Höhenunterschied zwischen Quellgebiet und Mündung nur 150 Meter beträgt, sind gewaltige Überschwemmungen die Folge. Bis zu 29 Metern kann der Amazonas ansteigen um dann Millionen Quadratmeter Urwald zu überfluten. Der Amazonas ist in jeder Hinsicht ein Gigant.
amazonien_14Am anderen Morgen, meiner ersten Nacht an Bord, schon weit vor sieben Uhr, stand ich auf. Mich hielt es nicht länger in der Koje. Musste mich erst einmal an all die Gerüche und den Motorenlärm der gedämpft in die Kabine drängte, gewöhnen.
Zu beiden Seiten des Flusses erstreckte sich die grüne Wand des Dschungels.                                                  

Entwurzelte Baumstämme säumten die Ufer, und große Pflanzeninseln trieben im dunkelbraunen Wasser.
Die scheinbar durchgehend grüne Wand des Dschungels erwies sich beim näherem Hinsehen als gar nicht so durchgehend. Unzählige Abzweigungen führten vom Strom in das grüne Labyrinth. Was für eine Aussicht!
Jetzt galt es aber erst einmal den Speiseraum zu finden und fragte mich mit Händen und Füßen durch. Na prima, und steige in die Tiefen des Bootes. amazonien_13Unmittelbar über dem Maschinenraum, im Lärm der Maschine und durchsetzt vom Gestank des Dieselöls, dazu eine Wahnsinnshitze, befand sich das, was man großzügig Speiseraum nannte. Im ersten Moment blieb mir die Luft weg, als ich die Oelgeschwängerte Luft einatmete.
Es befand sich auch kein Lüfter in den Räumlichkeiten. Sieht man einmal von einem kleinen Ventilator ab, dem wohl nur die Aufgabe zu kam, die Luft gleichmäßig zu verwirbeln. Was Solls! Ich wollte erst einmal einen Kaffee und etwas Eßbares.
Nachdem mir ein Bediensteter einen Platz zuwies, bekam ich auch gewünschtes. Wobei mir auch gleich die festen Essenszeiten mitgeteilt wurden. Ein gutes hatten die Mahlzeiten: Reichlich Obst stand immer herum. Dann kann man wenigstens darauf zurück greifen dachte ich mir, als ich zufällig das Treiben in der Küche sah. Mir drehte sich fast der Magen um. amazonien_15Fleischbrocken lagen herum, auf dem ein Fliegenschwarm Geschmacks-proben zu nehmen schien.
Der Koch schöpfte mit einem Eimer Wasser aus dem Amazonas um Salat zu waschen, während ein anderer Hühner zerkleinerte.
Ich konnte mich des Ein-drucks nicht erwehren, daß ein geordnetes Chaos in der Küche herrschte. Vor den kommenden warmen Mahlzeiten hatte ich plötzlich etwas Bammel und dachte nur: Naja, mit einem Aperitif aus Zuckerrohrschnaps vor dem Essen, dürfte es schon gehen.
Wieder auf dem oberen Deck, musste ich erst einmal tief durchatmen.
Im laufe des vormittags erreichte die AMAPA, so hieß das Boot, dann ein Gebiet, das von unzähligen kleinen und großen Flußinseln übersät war. Über diesen Flußengen, von den Indios Igarape genannt, trieben plötzlich Nebelschwaden und es begann zu regnen. Es herrschte ein Klima wie in einem Treibhaus. amazonien_16Und die Ufer des Urwaldes rückten noch näher. Hier und da standen einfache Hütten, oftmals auf Pfählen gebaut.
Plötzlich schossen, überall vom Ufer kommend, primitive Einbäume ins Wasser des Flusses.
Sie hielten direkt auf das Schiff zu. Männer, Kinder und sogar Frauen, die ihr jüngstes Baby im Schoß liegen hatten, schienen mit ihren Einbäumen den Kurs des Bootes kreuzen zu wollen. Sie benutzten merkwürdige Paddel, die kein länglich-flaches, sondern ein tellerrundes Ende hatten. Und geschickt fuhren sie mit ihren Nußschalen in der feuchten Hitze gefährlich nahe an das Boot heran. Aus dem Küchenfenster wurden in Plastikbeutel verpackte Essensabfälle geschmissen und einige Passagiere der Hängematten Decks warfen abgelegte Kleidungsstücke über Bord. So soll es angeblich ein Brauch verlangen, daß man das, was man gerade in der Hand hält über Bord schmeisst. amazonien_17Doch die Dschungelbewohner können mit meinem Fotoapparat wohl kaum etwas anfangen. Und die Geschicklichkeit, mit der sie die Dinge aus dem Wasser fischten, ließ darauf schließen, daß sie darin Übung hatten.
Überhaupt sahen viele dieser Indios oder Siedler gar nicht so unterernährt aus wie viele ihrer Landsleute in den Städten. Sicher, die Hütten und kleinen Siedlungen, die hier und da am Dschungelrand lagen, sind primitiv und ihre Bewohner sind ohne Zweifel sehr arm, aber im Verhältnis zu den Elendsvierteln in den Städten dürfte es ihnen doch recht gut gehen. Die Flüsse Amazoniens mit ihren über 4000 verschiedenen Fisch-arten, sowie kleine be-pflanzte Lichtungen im Urwald gewährleisten doch zumindest, daß sie keinen Hunger zu leiden haben. Hauptnahrungsmittel ist die kartoffelartige Maniok Wurzel. Sie wird von den Einheimischen einfach zwischen den verkohlten Resten eines abgebrannten Waldstückes angepflanzt. Im Rohzustand ist die Wurzel jedoch extrem giftig, denn sie enthält Blausäure. Um sie zu entgiften, werden die Knollen ausgepresst und getrocknet, ehe man aus der mehlartigen Substanz die verschiedensten Gerichte herstellen kann. Fisch, Maniok, schwarze Bohnen und ab und zu ein gepellter Affe machen den Speiseplan der Waldbewohner aus. Und als alkoholisches Getränk gibt es Maniok-Schnaps.
Für mich wurde es nun auch langsam Zeit meine erste warme Mahlzeit an Bord einzunehmen und mit klopfendem Herzen harrte ich der Dinge die da kamen: Reis, Maniok gekocht, Rindfleisch und Salate wurden aufgetischt! Als Dessert gebratene und karamelisierte Bananen. Ganz erpicht sind die Brasilianer auf Süßspeisen wie mir immer wieder auffiel.
Auch was Fruchtsäfte und Kaffee betraf. Ehe man sich versah schaufelte der Koch, oder in Restaurants der Kellner, löffelweise Zucker in die Getränke. Meine anfänglichen Skepsis dem Essen gegenüber verschwand auch mit der Zeit. Es schmeckte mir bis zum Ende der Reise ausgezeichnet. Hatte auch keine Probleme mit rohen Salaten und anderen für mich undefinierbaren Gerichten. Ich durfte nur nicht den Fehler machen, an der Durchreiche der Kombüse zu verweilen. amazonien_18Man sollte einfach versuchen, sich mit der Zeit wenigstens zum Teil an die hygienischen Verhältnisse in dem be-reisten Land zu gewöhnen. Denn aus Erfahrung und von früheren Reisen ist mir bekannt, daß durch übertriebenes Ekelgefühl, ständige Angst vor Erkrankungen, Durchfällen etc. und der damit zwangsläufig verbundenen Übervorsichtigkeit, die Reise vermiest wird. Das Gegenteil tritt meistens ein. Es wird verhindert, daß sich eine verstärkte Resistenz gegen uns ungewohnte Krankheitserreger aufgebaut werden kann.
Und immer wieder sitze ich auf dem Oberdeck, trinke eisgekühltes Bier, blicke auf den kilometerbreiten Strom, auf die unendliche Weite von Fluß und Dschungel, der mich immer wieder in ehrfürchtiges Staunen versetzte. Am dritten Tag der Amazonasfahrt zeichneten sich in der Ferne hohe Tafelberge ab, die sich aus dem immergrünen Dach des Dschungels herausheben. Zu beiden Seiten des Stromes entdeckte ich Rinderherden am Ufer. Es waren recht knorrige Tiere mit mächtigen Hörnern und einem Höcker im Nacken. Sogenannte Zebu-Rinder. Die wegen ihrer besonderen  Tropentauglichkeit aus  Indien eingeführt wurden. Sie standen bewegungslos bis zum Bauch im  Wasser. Bewegungslos stehen  auch die Windräder neben den Facenda Hütten. Die Luft flimmerte in der Tropenhitze und zum Glück lassen mich die Moskitos auf dem Fluß einigermaßen in Ruhe, obwohl das Boot doch meistens sehr nahe am Ufer entlang fährt.
Stromaufwärts versuchen die Boote ziemlich dicht am Ufer zu fahren, da ist die Strömung nicht so stark wie in der Flußmitte.
Außerdem ist die Gefahr durch treibende Baumstämme nicht so groß wie in der Mitte des Flusses. Flußabwärts fahrende Schiffe benutzten dagegen die Flußmitte um die Strömung mit auszunutzen. Dies war auch ein Grund mit, warum ich immer Stromaufwärts den Amazonas befahren wollte.
Dazu hat man dann ständig etwas zu beobachten was von der Flußmitte nur mit einem Fernglas möglich wäre. Auf Dauer wäre das viel zu ermüdend und für mich auch uninteressant gewesen. Als einziger Tourist an Bord genoß ich das natürlich, daß das Boot nie weiter als 100 Meter vom Ufer entfernt fuhr. Auch war der Vogelreichtum überwältigend mit seinen vielen Papageien.
amazonien_19Am Nachmittag erreichten wir dann die Stadt Santarem und die Mündung des Rio Tapajos, der als der reizvollste Nebenfluß des Amazonas gilt.
Das Wasser des Rio Tapajos ist von einem klaren grün.
Und bevor sich die klaren Fluten des Rio Tapajos mit dem braunen Wasser des Rio Amazonas vermengen, fließen sie einige Kilometer, fast wie mit einem Lineal getrennt nebeneinander her. Von weitem sah Santarem aus wie ein hübsch aussehendes Hafenstädtchen mit bunten Häuserfronten und zahlreichen typischen Amazonas Flußschiffen. Fliegende Händler und Schaulustige bevölkerten die Anlegestelle, für welche die Ankunft eines Schiffes noch immer ein Ereignis ist. Während des Anlegemanövers breiteten die Händler ihre Waren aus: meistens Stroharbeiten und Körbe. Fischer breiten Fische aus und hofften wohl, den Koch für ihre Ware begeistern zu können. Aber nein, der Koch schleifte mit seinen Gehilfen eine leibhaftige Sau an Bord und zwei kleine Ziegen. Diese armen Fleischproduzenten wurden mit gefesselten Beinen aufs Deck gewuchtet, verschissen vor lauter Angst das halbe Deck um anderntags zu Reis und Maniok gegessen zu werden. Trotzdem, ich muß gestehen, daß auch diese Mahlzeit nicht schlecht schmeckte, wenn auch der Darm später etwas rumorte.
Die Fahrt ging weiter und ständig wurde ich mit neuen Eindrücken konfrontiert. Fast täglich legten wir an irgend einem kleinen Ort am Amazonas an. Mit all ihren Bretterbuden erinnerten mich die Orte an Wild-West Dörfer.

Die Behauptung, die ich bei meinen Vorbereitungen wiederholt zu hören bekam, eine Amazonas-Flußfahrt wäre landschaftlich eintönig und Zeitverschwendung, war eine krasse Fehlinformation. Wenn man natürlich bei Brasilienreisen nur von einer Luxusherberge in die andere reist, mit einem Touristenboot eine Kaffeefahrt auf dem Amazonas unternimmt um sich anschließend als Landeskenner zu preisen, dem ist nicht zu helfen.
Allein die Abendstunden, die ich an Deck verbrachte, waren mit ihren wirklich unbeschreiblichen Sonnenuntergängen schon ein Erlebnis für sich. Allein sie rechtfertigten diese Fahrt schon.
Am frühen Mittag erreichten wir dann die Grenze zwischen den beiden Bundesstaaten Para und Amazonia. Ein hoch ansteigender Berg kennzeichnete die Grenze. Ein paar Palmen Hütten kleben am Hang und nackte Kinder spielten am Ufer. Einheimische Fischer umkreisten unser Boot und warfen Netze aus. Wahnsinn, wie fischreich die Gewässer hier sind. Bei einem Fischer zählte ich über 20 Fische und das innerhalb kürzester Zeit. Die täglichen Tropenschauern setzten auch wieder pünktlich ein. Amazonas und Dschungel verschwanden mal wieder hinter einem Vorhang. Schon das ist ein Erlebnis für sich. So plötzlich wie die Wolkenbrüche einsetzten, so plötzlich hörten sie auch wieder auf. amazonien_20Sofort ist die brennende Sonne wieder da, alles dampft und der Schweiß bricht aus allen Poren.
Trotz der Schweiß-treibenden Tempera-turen sitze ich wieder an Deck. Aus überdimensionierten und plärrenden Lautsprechern er-tönt wieder in voller Lautstärke Samba-Musik.
Aber so sind sie,  die Brasilianer. Ständig und überall diese Musik. Radios und Kassettenrecorder lagen in einem ständigen Wettstreit. Schon um fünf Uhr hieß es für mich am nächsten Morgen aufstehen. Ich wollte den berühmten Zusammenfluß des Rio Solimoes und des Rio Negro auf keinen Fall versäumen. Die beiden Flüsse treffen unterhalb von Manaus zusammen und bilden den gewaltigen Strom.
Doch bevor sich die schwarzen Fluten des Rio Negro mit den braunen des Rio Solimoes vermischen, fließen die verschiedenfarbigen Gewässer fast 20 Kilometer nebeneinander her, bevor sie sich allmählich vermengen.
Und von weitem waren die ersten Industrie- und Hafenanlagen von Manaus schon auszumachen. Diese nun kommende Stadt sollte Endpunkt der für mich wohl unvergeßlichen Flußfahrt werden, und  Ausgangspunkt für einen Trip in den Dschungel. Deutlich merkte ich nun die Annäherung an die Urwaldmetropole Manaus und begab mich schon mal in meine Kabine um mein Gepäck zu ordnen. Packte meinen Rucksack um mich kurz darauf wieder auf das Deck zu begeben. Die Zeit auf dem Boot neigte sich dem Ende zu.
Eine Hoteladresse in Manaus hatte mir der Mitarbeiter der Flußschiffreederei in Belem schon mit auf den Weg gegeben. amazonien_21Und so verließ ich schon fast mit Wehmut das Boot und harrte der Dinge die jetzt auf mich zukommen sollten.
Geld und Papiere hatte ich vorsichtshalber an drei Stellen des Körpers verteilt und 20 US Dollar steckte ich außerdem lose in die Hosentasche. Wollte ja keine Straßen-räuber mehr verärgern wenn sie nichts finden.
Die Hafengegend am Rio Negro in Manaus entsprach auch meinen Erwartungen die ich als Neuankömmling hatte. Es wimmelte von Menschen, Flußschiffe drängten aneinander, penetrant stank es nach Fisch, Gemüse und Früchten. Und auf den Hausdächern saßen aufgereiht die "Urubus," die schwarzen Rabengeier. Die dafür sorgen, daß der Hafen nicht im Unrat erstickt. Hemd und Hose klebten am Körper als ich zu Fuß und schweißüberströmt mein Hotel erreichte. Eine derart drückende Schwüle lastete über der Stadt, daß mir der Schweiß aus allen Poren brach. Auf dem Weg zum Hotel verschaffte ich mir zwar hin und wieder Abkühlung, indem ich unter irgend einem Vorwand eine klimatisierte Bank betrat, was aber letztlich doch nichts nützte. Ging ich wieder zurück auf die Strasse, schlug mir die Schwüle wieder wie Saunaluft entgegen. Dann hatte ich es geschafft und mein Hotel war erreicht. Um die Ecke lag zwar das Amazonas Hotel, ein häßlicher Klotz und dreimal so teuer. Ein Hotel der Luxuskategorie.
Aber mein Stolz, oder vielleicht auch Geiz, ließen mich jedoch nicht weich werden, ich wollte so einfach wie möglich leben und bewußt auf Luxus verzichten.
Nachdem ich mein Gepäck im Zimmer verstaut hatte, Geld und Papiere im Gehäuse des Ventilators versteckt, begann ich durch die Gassen zu strolchen. Suchte nach einer Möglichkeit um nach Deutschland zu telefonieren.
Von Belem hatte ich zuletzt ein Gespräch nach Deutschland geführt und warum sollte es von Manaus nicht auch funktionieren? Es funktionierte und konnte mit meiner Frau sprechen, wenn auch zu exorbitanten Kosten. Es war auch ein kleiner Vorgeschmack zu den Preisen in Manaus. Daß Brasilien kein billiges Reiseland ist bemerkte ich ja schon zu Beginn meines Trips. Im Herzen Amazoniens wurde mein Eindruck jedoch noch verstärkt. Ursache dürfte wohl die Tatsache sein, daß viele Dinge des täglichen Lebens erst einmal dorthin geschafft werden müssen. Manaus und vom Dschungel immer noch keine Spur, dachte ich, als ich anderntags begann Manaus zu erkunden. Unten am Hafen gönnte ich mir einen gebratenen Piranha-Fisch und genoß zunächst das bunte Treiben. Nur fünf Meter vor mir zog der Rio Negro vorüber, drei Kilometer breit und bis zu 70 Meter tief. Fähren legten an und ab, Träger keuchten mit ihren Lasten vorbei und Musik dröhnte aus allen Ecken.
Etwa drei Tage wollte ich zunächst in Manaus bleiben um dann zu versuchen ein Boot nebst Führer zu finden um ein oder zwei Tagesreisen den Rio Negro hinauf zu fahren. Wollte nicht unbedingt lange in der Stadt zubringen, obwohl Manaus auch einiges zu bieten hat und machte mich auf den Weg ins Zentrum.
Besucher die mit dem Flugzeug Anreisen, dürften ohnehin enttäuscht sein. Aufgrund der Lage, rund 1800 Kilometer von der Mündung des Amazonas entfernt, erwarten sie sicherlich eine Flußsiedlung vorzufinden, die eine verlorene Schlacht gegen den wuchernden Dschungel führt. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus. Anstatt auf Schritt und Tritt der angeblich "Grünen Hölle" und womöglich noch dessen gefährlichen Bewohnern zu begegnen wird man mit Abgasen, unbeschreiblichem Lärm und einer zer-mürbend feuchten Hitze empfangen.
Statt in der ehemals prachtvollen Kautschuk Metropole auf exot-ische Tiere zu stoßen, findet man eine Groß-stadt mit etwa einer Million Einwohnern vor.
amazonien_22Und man sieht sich umgeben von Hoch-häusern, Slumvierteln  und dichtem Straßen-verkehr.  
Seit 1967 ist Manaus auch Freihandelszone, also Zollausland für die Brasilianer. Und das ist wohl vielen Brasilianern einen Einkaufstrip am Rio Negro wert, insbesondere wenn es um Elektroartikel geht. Für meine Begriffe liegen die Preise immer noch über denen in Deutschland.
Um die Jahrhundertwende war das vielleicht noch anders, da nannte sich die Stadt im Herzen von Amazonien noch stolz: Das "Paris des Dschungels".
Manaus soll damals Paris den Rang abgelaufen haben, was Luxus und Verschwendungssucht betraf. Kautschuk war in jener Zeit der Urwaldstadt das Zauberwort so daß ein unglaublicher Boom ausbrach. Indios wurden versklavt und gezwungen, den Latex der Kautschukbäume einzusammeln. Das Rohgummi wurde wie Gold aufgewogen und Manaus wurde die Weltmetropole für Kautschuk. Der Reichtum der Händler muß unermeßlich gewesen sein. Es genügte den Kautschuk Baronen auch nicht, daß sie die herrlichsten Villen und ein pompöses Theater bauten. Nein, der Luxus muß solche Ausmaße angenommen haben, daß es unter den Reichen nicht ungewöhnlich gewesen ist, wenn sie ihre schmutzige Wäsche zum Waschen nach Frankreich schickten. Kein Wunder, daß die Regierung die Ausfuhr von Baumsamen unter Todesstrafe verbot. Doch wo soviel Geld zu verdienen ist, findet sich erfahrungsgemäß früher oder später immer jemand, der einen Weg findet, das Monopol zu brechen. In diesem Fall war ein Engländer der gewisse Jemand. In ausgestopften Alligatoren brachte er den Samen aus dem Land. Jahre später hatte England in seinen Kolonien seine eigenen Kautschukplantagen. Und das war für Manaus der Anfang vom Ende.
Es ging mit der Urwaldmetropole steil bergab. Manaus ist meiner Ansicht nach nur Dreh- oder Ausgangspunkt.
amazonien_23Wer nicht von Manaus aus irgendeine Tour plant und daher diese Stadt, die mehr von ihrer Legende lebt, quasi als Zugabe mitnehmen möchte, sollte Zeit und Geld für andere Sehenswürdigkeiten ver-wenden.
Ich hatte jedoch Zeit für Besichtigungen und sah  mir als erstes das renovierte Theatro de Amazona an, sowie das alte Zollhaus. Lohnend war noch der Mercado Municipal, der Stadt-markt. Er ist in einem Gebäude untergebracht, dessen Eisenkonstruktion die Handschrift von Gustav Eifel trägt.
Direkt vor der Tür des Mercado Municipal spielte sich auch das Kommen und gehen der Flußboote ab, die in Manaus die Bedeutung haben wie anderswo der Bus- oder Eisenbahnverkehr.
Für mich wurde es aber langsam Zeit Ausschau nach einem Kanu mit Außenbordmotor und einem entsprechenden Führer zu halten. Mit Hilfe eines Hotelangestellten wurde ich dann fündig.
Ein Halbindio wurde mir vorgestellt, der bereit war sich als Führer zur Verfügung zu stellen. Und mit dessen Hilfe dauerte es auch nicht lange und ich hatte das gewünschtes Boot. Wir verabredeten uns dann für den nächsten Tag und wollten in aller Früh aufbrechen. Die erforderlichen Ausrüstungs-gegenstände, dazu einige Grundnahrungsmittel, wobei ein Karton Dosenbier für mich nicht fehlen sollte, wollte Jose, so hieß mein Führer, besorgen. Dies sollte genügen. Und natürlich Benzin für den Außenbordmotor.
Pünktlich holte mich José‚ am anderen Morgen im Hotel ab. Jose ist Anfang zwanzig, dem nicht nur die Lebensfreude ins Gesicht geschrieben steht, sondern auch die Tatsache, daß in seinen Adern ein Gutteil indianisches Blut fließt.
amazonien_24An Gepäck hatte ich nur das nötigste dabei, den Rest ließ ich zu treuen Händen im Hotel zurück. Das Boot, ein etwas größeres Kanu, lag schon startklar im Hafen als wir ankamen. Die Fahrt unter einem strahlend blauen Himmel und bei zunehmender Hitze war ein Genuß. Die Grüntöne des verfilzten Dschungels mit seinen monumentalen Bäumen, die wahrlich wie Riesen mit mächtigen Hutkronen in den Himmel ragen, sind unglaublich intensiv.
Nach einer halben Stunde Fahrt stießen wir auf einen Schwarm roter Botos, die Delphinen sehr ähnlich sehen. Doch bei weitem nicht so harmlos sein sollen. Dann umschwärmten Tausende gelbgrüne Schmetterlinge unseren Kahn und begleiteten uns minutenlang.
Mit hoher Geschwindigkeit steuerte José‚ den Kahn immer weiter den Rio Negro hinauf bis er schließlich am Nachmittag eine Hütte am Rande des Urwaldes ansteuert. Das Besondere an dieser Hütte war, daß sie auf Pfählen an dem überschwemmten Urwald steht. Das Wasser stand schon bis zu den unteren Dielenbrettern. Und nach dem Anlegen nahmen wir erst einmal ein erfrischendes Bad. Daß es Piranhas geben könnte, daran dachte ich überhaupt nicht als ich im Wasser planschte. Als mir José‚ dann klarmachte, daß wir hier übernachten wollen, machte er mich näher mit der Familie bekannt. Und als ich die Hütte dann etwas näher in Augenschein nahm, wurde mir anders zumute. Die Hütte bestand aus zwei roh zusammen gezimmerten Räumen mit einer vorderen und hinteren Veranda. Besonders die hintere Veranda mit ihrer Toilettenanlage und Waschstelle hatte es mir angetan. Man stelle sich zwei nebeneinander liegende ausgesparte Löcher in den Dielenbrettern vor.
Ein Loch wurde von der Familie, die aus acht Personen bestand, als Toilette benutzt. In dem anderen Loch, etwa einen halben Meter entfernt, spielte sich der Rest ab. Dort wurden die Töpfe gewaschen, die Zähne geputzt, eben alle anfallende Arbeiten wozu Wasser gebraucht wurde. Und in dem vorderen Teil der Hütte spielte sich das eigentliche Leben ab. Sobald die Dunkelheit herein brach und in den Tropen wird es schon um 18:00 Uhr dunkel, wurde alles verrammelt. Wohl wegen der Moskitos. Die Hängematten wurden aufgehangen und kurz darauf endete der Tag für die Familie. Elektrische Licht fehlte natürlich auch und als Lichtquelle diente uns eine Kerze. amazonien_48Die erste Nacht in der Hütte war für mich eine einzige Qual. Nicht nur, daß die Hängematten  entsetzlich rochen, am ärgsten fand ich die quälende Hitze und die Enge der Hütte, so daß ich glaubte ersticken zu müssen. Dazu hatten es die Moskitos auf mich abgesehen und da ich auch nur in Shorts auf der Hängematte lag, war ich eine leichte Beute. Eine einzige Qual und ich sehnte den morgen herbei. Morgens sah ich dann aus wie ein Streuselkuchen und wusste nicht wo ich mich zuerst kratzen sollte. Überall juckte es fürchterlich. Ich fragte mich mal wieder wozu dies alles und fühlte mich mal wieder deprimiert.
Vielleicht lag es auch daran, daß ich zwar immer unter Menschen war, letztlich aber doch allein war. Ein normales Gespräch kam mangels portugiesischer Sprachkenntnissen nie zustande. Und eine Verständigung mit Gestik und Hilfe eines Wörterbuches ist auf Dauer ermüdend und unbefriedigend. Aber da der Trip mein Wunsch war, wollte ich nicht klagen und den Trip zu Ende bringen. Und da es mit Sicherheit meine letzte Brasilienreise war musste ich dadurch. Es gibt Reisen die macht man eben nur einmal im Leben und für mich war das eine solche Reise. Trotzdem, ich zweifelte mal wieder an meinem Verstand. Meine Stimmung war auf einem Tiefpunkt und ich wäre am liebsten wieder zurück nach Manaus gefahren.
Nach dem Frühstück, was aus Maniok-Fladen bestand, besserte sich wenigstens meine Stimmung und traf dann aus dem Bauch heraus eine Entscheidung: Ich wollte die kommenden Tage einfach bei der Familie bleiben.
Die Familie erklärte sich sofort damit einverstanden und ich glaube heute sagen zu können, sie freuten sich über meine Entscheidung. Mit Jose‚ wollte ich dann in den nächsten Tagen Exkursionen in den Dschungel unternehmen. Einfach nur das tun was mir in den Sinn kommt. Und ich tat gut daran. Mittags steige ich dann mit Jose‚ in einen Einbaum der Familie und wir paddeln in den überschwemmten Urwald, der uns mit seinem ewigen Dämmerlicht umfängt. Für mich ist es eine fremdartige Welt.
amazonien_25Mammutbäume, die sich hoch zum Dach des Dschungels recken, wilde Sträucher, merkwürdiges Wurzelwerk, vermoderte Stämme und eine mir unbekannte Vegetation bildete für mich ein auswegloses Labyrinth.
Gleich zu Anfang scheuchen wir mehrere Krokodile aus ihrer Ruhe, die unter tiefhängenden Zweigen gelegen haben. Sie tauchen weg. Und langsam gewöhnte ich mich an diese fremde Welt.
Auf einmal ist der Dschungel gar nicht so ausgestorben, wie es anfangs den Anschein hatte. Vieles wäre mir trotzdem verborgen geblieben, wenn mich Jose‚ nicht darauf aufmerksam gemacht hätte. Kleine Schlangen kreuzten unseren Weg, auf einem Baum turnt eine Affenherde mit viel Lärm von Ast zu Ast. Wenig später sahen wir auf einem im Wasser liegenden Baumstumpf eine Schildkröte. Mit erstaunlicher Schnelligkeit läuft sie zur Kante und stürzt sich ins modrig braune Wasser. Und wieder deutete Jose‚ auf einen Baum, in deren Geäst sich eine Boa ihren Weg sucht.
Eine ganz eigenartige Stimmung nahm mich gefangen und Jose‚ suchte mit seinen Augen immer wieder die Umgebung ab. Und jetzt sehe ich auch was er sieht. Jose‚ zeigte auf die Wasseroberfläche: Eine Anaconda. Ein Teil des Kopfes ragte aus dem Wasser, während der mächtige Leib nur schemenhaft unter Wasser auszumachen war. Ich schätzte das Reptil auf etwa sechs Meter und war fasziniert von dieser Masse reinen Muskels.
Eine Anaconda-Haut war mir bereits bei meiner "Gastfamilie" aufgefallen und bei näherem fragen wurde mir gesagt, daß der Mann schon eine Anaconda mit der Machete tötete, die um ihre Hütte schlich. Zwölf Meter soll sie gemessen haben und kann es nicht glauben.
Schließlich verlassen wir den Dschungel und meine Unterkunft oder Hauptquartier liegt wieder vor uns.
Während Jose‚ ein Huhn der Familie schlachtet und damit unser Abendessen sichert, mache ich es mir in einer Hängematte auf der Veranda bequem. Verarbeite die Eindrücke des Tages und pflege meine Moskito amazonien_26Stiche, während die merkwürdigsten Geräusche aus dem Dschungel zu uns herüber dringen.
Am nächsten Morgen sitzen wir wieder im Einbaum. Nach zwei Stunden Fahrt durch ein Wirrwarr von zahllosen Inseln gehen wir an Land. Auf unserem Plan steht ein Marsch durch den Urwald. Wir wollen der Facenda meiner Gastfamilie einen Besuch abstatten. Außer Jose‚ begleitet uns der Sohn des Hauses, der mit seinen fünfzehn Jahren sein Leben hier im Urwald verbracht hat und den Wald kennt wie ich die Straßen meiner Heimatstadt. Wir dringen durch verfilztes Unterholz und schnell gerate ich in der feuchten Hitze ins Schwitzen. Meine Sachen kleben in diesem Irrgarten klitschnaß am Körper.
Ich habe hervorragende Führer, die nicht nur bei der Sache sind, sondern zudem noch jeden Baum und jede Pflanze kennen. Und Jose‚ legt mit seiner Machete sogar Hand an eine Palme, um uns in den Genuß einer Portion frischen Palmitos kommen zu lassen. Palmitos, oder Palmherzen waren in der Tat ein Genuß, dessen Geschmack mich an Artischockenherzen erinnerte. Später probierten wir noch die Inga-Frucht, die circa 1 Meter lang wird, grün und dünn wie eine riesige Bohnenstange aussieht. Innen enthält sie etwa 20 Früchte mit weichem weißen Fruchtfleisch.
Sie schmecken wie Bananen und den schwarzen Kern der Frucht spuckt man einfach aus.
Schließlich erreichten wir die Facenda, wobei ich mir ein grinsen nicht verkneifen konnte. Wo einst wildwuchernder Dschungel war, erstreckte sich eine kleine Lichtung mit einer Hütte. Die Facenda bestand aus einer Hütte mit einem palmgedeckten Dach um die rundherum ein Stück Wald gerodet und abgebrannt war. Auf diesem Stück Land was im wahrsten Sinn des Wortes dem Urwald abgetrotzt war, pflanzte die Familie ihr Grundnahrungsmittel: Maniok!
amazonien_27Die Facenda war der Stolz der Familie. Doch erfahrungsgemäß soll nach Brandrodungen die Aussaat noch recht ordentlich ausfallen, die kommenden immer magerer.
Piranhas fischen steht tags darauf auf meinem Programm. Wir paddelten mit dem Kanu in ein überschwemmtes, sumpf-iges Gebiet.
Bis jetzt bin ich mit Moskitostichen reichlich eingedeckt. Die Biester hatten sich trotz des mittlerweile schützenden Moskitonetzes nachts wieder zu Dutzenden in der Hütte eingefunden und sich blutsaugend über mich gestürzt.
Und hier in den stehend-en Gewässern bekam ich die zweite Portion von den Plagegeistern ab. Doch die Tatsache, daß wir Piranhas an die Angel bekommen sollten, entschädigte mich. Ob-wohl, rund um unsere Hütte angelten die Kinder meiner "Gast-familie" auch Piranhas.
Und meine anfängliche Angst vor Piranhas hatte ziemlich schnell nachgelassen. Es gab sie einfach überall und keiner kümmerte sich, außer zum Angeln, um sie. Ich habe auch dort niemals von jemanden gehört, der von einem Piranha angegriffen wurde, nur, amazonien_28daß jemand gebissen wurde, wenn er den Fisch vom Angelhaken nehmen wollte. Die Einheimischen kümmerten sich auch nur wenig um sie.
Man sollte nur nicht bluten und im Wasser einfach dahin treiben. Einfach normal schwimmen und auch nicht hektisch planschen, denn das lockt sie an und könnte vielleicht doch einen Piranha veranlassen, einen Probebiß zu machen. Wenn es anders wäre, - wäre ich ja nicht mehr dazu gekommen, diesen Bericht zu schreiben. Piranhas sollen zwar auch "schlechte Tage" haben, an denen sie angreifen, zum Beispiel, wenn sie in der Trockenzeit in stehenden Tümpeln abgeschnitten vom Fluß sind und nichts zum Fressen haben. Piranhas knurren übrigens, und dieses knurren hörte man schon, bevor man ihn an der Wasseroberfläche hatte. Man wußte so immer gleich, was da an der Angel hängt. Jose‚ warnte mich jedoch eindringlich, die wild zappelnden, häßlichen Fische mit ihren raubtierähnlichen Zähnen, nur nicht allzu nahe kommen zu lassen. Sie würden sich in Hände oder Füße verbeißen. amazonien_29Zur Demonstration nahm Jose‚ einen Piranha vom Haken, schob die Klinge seiner Machete zwischen die Kiefer des Fisches und als der Piranha sich darin festzubeißen versuchte, klang es, als würde Metall auf Metall schlagen. Piranhas sind im übrigen recht schmackhaft, wenn sie sich nur besser schuppen ließen. Das Abendessen für den Tag war jedoch gesichert.
Die Tage und Nächte am Rio Negro waren mit unvergeßlichen Erlebnissen ausgefüllt.
In der Nacht will Jose‚ mit mir noch auf die Jacare-Jagd, dem brasilianischen Alligator. Er will mir zeigen wie man Alligatoren mit den Händen fangen kann.
Ohne irgendwelche Hilfsmittel fuhren wir unter einem sternklaren Himmel hinaus. Noch nie habe ich Sternbilder so klar und deutlich sehen können. Und es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie wir wieder zu unserer Hütte zurück fanden. Mir erschien es, als habe uns der Irrgarten der Flußarme für immer geschluckt. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichten wir eine Stelle die Jose‚ verdächtig vorkam. Langsam paddelte er parallel zum Ufer dahin bis er das Kanu nur noch gleiten ließ und mit einer Stablampe das Ufer absuchte. Plötzlich reflektierten im Schein einer Taschenlampe grün-rot die Augen eines Alligators und lautlos ließ er das Kanu auf sie zu treiben. amazonien_30Jose‚ legte sich flach auf den Bauch und lehnte seinen Oberkörper hinaus, während er die Taschenlampe mit den Zähnen festhielt.
Den Lichtstrahl weiterhin auf das Reptil gerichtet schießen seine Hände plötzlich ins Wasser und er erwischt das Tier im Nacken. Das Tier ist doch noch sehr jung und er schmeißt es wieder ins Wasser und deutet an, ein größeres zu fangen.
Was ihm dann auch gelang. Und als er mit der Machete zustieß quiekte das arme Tier wie ein Schweinchen. Schließlich ging es mit dem Alligator im Kanu wieder zurück und es erschien mir immer wieder wie ein Wunder, daß Jose‚ auch in tiefster Dunkelheit den Weg durch das Labyrinth zurück zur Hütte fand.
Nach einem ausgiebigen Frühstück mit gebratenem Alligatoren Fleisch, unter-nahmen wir den letzten Ausflug in den Urwald. Anderntags musste ich wohl oder übel "meine Gast-familie" verlassen. Der Abschied fiel mir tat-sächlich immer schwerer als ich meine Habseligkeiten packte. Alles überflüssige der Familie schenkte um zunächst nach Manaus zurück zu kehren.
Fast eine Woche ist es nun schon her, seit ich mit Jose‚ am Rio Negro bin und die Gastfreundschaft der Familie genoß. amazonien_31Am Abend trafen wir in Manaus ein, von Moskitos reichlich zerstochen und müde. Doch weiß ich jetzt, daß diese Tage im Dschungel und das Wohnen und Leben bei der Flußsiedler Familie, zu dem schönsten und eindrucksvollstem in meinem Leben zählte. Und da mich mittlerweile die Lebenszusammenhänge Amazoniens noch mehr interessierten, stattete ich dem Museum do Indio in Manaus noch einen Besuch ab. Vielfältige Exponate aus den Regenwaldgebieten und seinen Bewohnern, boten noch einen tieferen Einblick, in eine Welt, von der ich leider nur einen kleinen Ausschnitt erleben konnte.
Ich nahm Abschied von Manaus. Ein Abschied der mir nicht schwer fiel, da sich, seit ich wieder in Manaus war, diese Art Anspannung breit machte, wie ich sie schon von Belem kannte: die Angst vor Überfällen. Bei der Familie am Rio Negro spürte ich so etwas wie Geborgenheit, was mir in Manaus wiederum fehlte.  

Familienversammlung auf der „Veranda“  ...die Familie lebt seit 22 Jahren in der Hütte am Rio Negro
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unsere Nachbarschaft
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Mutter Paula und Vater Eduardo auf dem Weg zu ihrer „Facenda“ .
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Auf der einen Seite spielen einem die eigenen Klischeevorstellungen von Wildnis und Dschungel einen Streich: Je länger man in Amazonien verweilt, desto klarer versteht man, wie organisiert die Natur
sich verhält. Amazonien ist ein komplexes Lebenssystem

Ich begann die noch verbleibenden Tage in Brasilien schon zu zählen, als der Flieger morgens um halb vier von der Startbahn in Manaus abhob.
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Über Brasilia ging es nach Rio de Janeiro.
Ich lande auf dem Internationalen Flughafen, der weit außer-halb der Stadt liegt. Und habe anschließend die Wahl mit einem Taxi oder einem Bus in die Stadt zu gelangen.
Ich entschied mich letztlich für ein Taxi, da ich auf meiner letzten Etappe nicht noch gänzlich ohne Gepäck und ausgeplünd-ert da stehen wollte. In einem mir mittlerweile bekannten Stil jagte der Taxi-Fahrer in Richtung Innenstadt, zum Stadtteil Copacabana.
Als Fahrtziel hatte ich ein Hotel in dem Stadtteil angegeben, da sich in diesem Teil der Stadt Hotels aller Kategorien und Preisklassen befinden.
Und hörte ich früher den Namen  Rio de Janeiro, so weckte der Name automatisch Sehnsüchte und stand für Karneval, Samba, die Weltberühmte Copacabana und natürlich den Zuckerhut.
Da ging es mir nicht anders wie den zahllosen Touristen vor mir.
amazonien_42Ich wollte einfach mal mit eigenen Augen sehen, ob es stimmt, was man als Rio unkundiger mit dieser Stadt assoziiert: Strände, Lebens-freude und Sonne. Doch von Sonne fehlte jede Spur.
Schon beim Lande-anflug war das Wahrzeichen von Rio, der Zuckerhut, in Wolken gehüllt. Es war grau. Und während das Taxi die ersten Vororte passierte, konnte man schon sehen, daß Rio nicht nur Schokoladenseiten bestand.
In keiner anderen brasilianischen Stadt sollen Armut und Reichtum so eng beieinander liegen. Die Elendsviertel kleben wie Adlerhorste an den tropisch bewaldeten Berghängen die Rio umgeben. Als ich mein Fahrtziel erreichte beginne ich auch noch zu frösteln, trotz der herrschenden 25 Grad. Es ist Herbst in Rio. Und der Temperaturunterschied zwischen Amazonien und Rio beträgt doch etliche Grade.
amazonien_44Nachdem ich ein Zimmer im gewünschten Hotel bezog, von dem ich nicht wusste, welcher Hotelkategorie ich es dieses mal zuordnen konnte, stimmte dieses mal wenigstens das Preisgefüge. Der Preis war jedoch wesentlich moderater als zuvor in Belem oder Manaus.
Mein erster Weg führte natürlich an die Copacabana, dem wohl berühmtesten Strand der Welt. Der Strand lag einige Gehminuten vom Hotel entfernt. Schon auf dem Weg dorthin wieder ein unglaubliches Verkehrsgewimmel. Erstaunlicherweise gewöhnte ich mich wieder schnell an das Gewimmel. Dennoch musste ich mich immer wieder wundern, daß es relativ selten zu schweren Unfällen kommt. Vermutlich sind die Unfallfahrer diejenigen die sich an bestehende Verkehrsregeln halten. Lärm und Abgase umgaben mich wieder und entsprachen nicht unbedingt dem Bild, daß ich mir von der angeblich so lebens, und farbenfrohen Stadt gemacht hatte. Ich bin etwas enttäuscht. Sollte das Rio sein, eine Stadt der Superlative? Die angeblich schönste Stadt der Welt? Auf mich wirkte Rio absolut nicht faszinierend und graue Wohnhäuser bestimmten meinen ersten Eindruck.
Dann stehe ich an der Avenida Atlantica, Rios Prachtstraße, die am kilometerlangen, geschwungenen Strand, entlang führt.
Rio de Janeiro. Die Bewohner sagen: „Gott hat die Welt in sechs Tagen geschaffen, den siebenten widmete er der Entstehung von Rio“.

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Rio wurde mir etwas durch die Angst vor Überfällen vermiest

Der Anblick der Bucht mit dem weißen, scheinbar endlos langem Sandstrand und den Felskuppen an beiden Enden, waren letztlich doch beeindruckend. Dazu die eleganten, aber teuren Hotels.
Copacabana wird zwar als der schönste Strand der Welt gepriesen, doch der Eindruck täuschte etwas. Aber da ich nur zum Schauen an den Strand kam, kam ich auch auf meine Kosten.

Der Zuckerhut und der 704 Meter Hohe Corcovado mit der 1931 errichteten Christusstatue   beherrschen
das Stadtbild Rio de Janeiros, das bis 1960 Hauptstadt von Brasilien war.

Leider habe ich mir  Rio etwas durch die Angst vermiesen lassen. Ich war sozusagen immer in “Alarmbereitschaft“.

Auf der Stadtseite, der Avenida Atlantica sitzt man, das nötige Kleingeld vorausgesetzt, in überdachten Cafes und genießt exotische Drinks. Bei barfüßigen Verkäufern die Getränke und Snacks anbieten, stillte ich meinen Durst und Hunger.
Die Tage bis zu meinem Abflug verbrachte ich an dem Strand und dies mit einem beruhigten Gefühl.
Aber auch nur, weil etwa alle hundert Meter ein Polizist postiert ist. Wie beruhigend für einen Urlaub! Und ein Luxushotel, womöglich noch mit eigenem Strand, sollte auch nicht mein Ding sein. Den einzigen Luxus den ich mir in Rio leistete war eine Fahrt mit dem Taxi zum Zuckerhut. Oder zum Pao de Acucar, wie die Einheimischen sagen. Ich betrachtete es als ein Muß, sonst war man angeblich nicht in Rio. Auf einer Landzunge liegen drei Hügel, von denen der Zuckerhut der höchste ist. Ein kahler Felskegel und das Wahrzeichen von Rio. Über eine Seilbahn fährt man in zwei Etappen auf den Zuckerhut. In der letzten Etappe schwebte die Kabine dann 750 Meter bis zum Gipfel des Zuckerhutes. Wobei die letzten 100 Meter entlang der steilen Felswand führte. Ich verspürte tatsächlich so etwas wie Höhenangst. Dafür entschädigte mich der faszinierende Blick von der Aussichtsplattform über Rio. Daß sich auf der Plattform das Touristengeschehen ballte, nahm ich mittlerweile schon gelassen in Kauf. Meine Stunden bis zum Abflug nach Deutschland waren eh gezählt.

Um nach Abschluß meiner Reise, Brasilien noch mit ein paar Sätzen zu beschreiben, ist eigentlich nicht möglich. Konfrontiert wurde ich allgegenwärtig mit den offensichtlich extremen sozialen Gegensätzen. Luxusappartements hier, Elend da. Aber Südamerika lebt wohl von seinen Gegensätzen.
Und würde man mich heute fragen, ob ich eine solche Tour nochmals machen würde, ich wüsste nicht was ich antworten sollte!
Fasziniert war ich von der Fahrt auf dem Amazonas und der Zeit bei der Flußsiedlerfamilie am Rio Negro. Alles was dazwischen lag empfand ich als Streß. Als eine Art psychischen Stress. Wohl bedingt durch die anfänglichen Probleme. Sobald ich unter vielen Menschen war fühlte ich mich unwohl und unsicher. Ständig hatte ich das Gefühl, es will Jemand etwas von mir. Vielleicht lag es auch daran, daß ich allein reiste und mir somit, auch in Ermangelung von portugiesischen Sprachkenntnissen, jegliche normale Kommunikation verwehrt blieb.
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Amazonien:

Dichter Wald, so weit das Auge reicht.
Flüsse, so gigantisch wie Meere.
Mit einer Fläche von über 1,5 Millionen
Quadratkilometern ist der Staat
Amazonas der größte und am
dünnsten besiedelte Brasiliens



amazonien_47Wer in Brasilien von Norden nach Süden
Reist, legt die Strecke Norwegen-Marokko
zurück.
Dazwischen liegt ein Land von ungeahnter
Schönheit: dem größten Wald der Erde
und 7.400 Kilometer Strand.

Fakt:
Mit einer Gesamtfläche von 8,5 Millionen
Quadtratkilometern ist Brasilien das fünft-
Größte Land der Erde, nimmt fast die Hälfte des Südamerikanischen Kontinents ein.

Die Hauptstadt Brasiliens ist Brasilia
 

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